Rock'n'Roll im Schützengraben

Der Vietnamkrieg als Pop-Geschichte

"War - what is it good for? Absolutely nothing", sang Edwin Starr in seinem Motown-Klassiker. Krieg - wozu ist das eigentlich gut? Eine Frage so alt wie die Menschheit. Doch nie wurde sie so laut gestellt, wie damals, als die Weltmacht USA das kleine Vietnam in die Steinzeit zurückbomben wollte.

Täglich sah man den Tod im Fernsehen und ein Ende war nicht in Sicht. Amerika war in Aufruhr. Die Jugend rebellierte - gegen die Eltern und gegen den Krieg. In Woodstock kamen Protestbewegung und Popkultur zusammen, und ein junger Folksänger aus Berkeley in Kalifornien erlebte seine fünf Minuten des Ruhms: Country Joe McDonald spielte als einziger einen echten Anti-Vietnam-Song, den "I-Feel-Like-Fixing-to-die-Rag" mit den noch immer legendären Refrainzeilen: "And it's one, two, three/What are we fighting for?/Don't ask me, I don't give a damn/Next stop is Vietnam."

"Scheiß auf den Krieg"

Berühmt machte ihn jedoch das kleine Wörtchen "Fuck". "Fuck" im Sprechchor aus 500.000 Kehlen - der ultimative Protest gegen die Mächtigen. Noch heute spielt Country Joe seinen berühmten Song - oft vor Vietnam-Veteranen. Längst ist die zynische Varieté-Melodie zum Schlachtruf ehemaliger Kämpfer geworden. Was der Protestsänger damals nicht wusste: Sein Lied reiste den Soldaten in den Dschungel hinterher.

US-Soldaten in Vietnam, 1965

Desillusionierte Wehrpflichtige in Vietnam stimmten es genauso an wie die Blumenkinder und Kriegsverweigerer daheim. "Ich merkte damals gar nicht, dass mein Lied eine ganz eigene Perspektive einnahm", erzählt Country Joe McDonald im aspekte-Interview. "Es gab die Schuld am Krieg nicht den Soldaten. Es war sarkastisch, was beim Militär üblich ist. Es besaß schwarzen Humor und meinen eigenen Blick auf den militärisch-industriellen Komplex. Es gab der Führung die Schuld - nicht nur der Militärführung, sondern auch Firmenbossen. Aus ihm sprach die Haltung eines US-Soldaten - nein eigentlich jedes Soldaten: Scheiß drauf."

Das musikalische Erbe von Vietnam

Den Arbeiter-Poeten haben der Krieg und seine Folgen nie losgelassen. Jahrelang hat Country Joe Lieder und Geschichten von Kriegsheimkehrern gesammelt, der Musikwissenschaftler und Psychologe Hugo Keesing weitete die Recherche noch aus, fügte historische Tondokumente der Zeit und patriotische Propagandalieder hinzu. Entstanden ist dabei eine Box mit 14 CDs - eine musikalische Sozialgeschichte. Lieder, die das musikalische Erbe von Vietnam und das Trauma dieses Krieges bis heute festhalten.

Noch heute lebt Country Joe im kalifornischen Universitätsstädtchen Berkeley. Wo heute die Friedensmauer steht, tobten damals im Wochentakt Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizei, wurde der Kampf um die öffentliche Meinung ausgetragen. Protestsongs feuerten die Stimmung an. Selbst die Beach Boys hatten einen Titel wie "Student Demonstration Time" im Repertoire. Doch auch die Gegenseite machte musikalisch mobil - mit Country-Schnulzen für den Krieg gegen die Kommunisten, Hymnen für das "gesunde Volksempfinden" wie Merle Haggards "Okee from Muskogee" und patriotischem Liedgut wie der Ballade der Green Berets - einer gefürchteten Spezialeinheit.

Drogen für eine bessere Welt

Die Mehrheit der Jugend ließ sich jedoch von Erfolgsmeldungen und Heldengeschichten längst nicht mehr überzeugen. Eine ganze Generation glaubte nicht mehr an Krieg als Mittel der Politik und sang lieber mit den Doors "It's all over - for the unknown soldier". "Meine Generation dachte, sie würde den Krieg beenden", sinniert Country Joe. "Wir würden Frieden und Liebe auf der Welt verbreiten. Wir dachten, wenn wir allen Menschen psychedelische Drogen gäben, wären die Probleme weg und die Welt ein besserer Ort. Das ist natürlich eine verrückte Idee, die schon an der Logistik gescheitert wäre. Was wir dabei einfach nicht bedachten: Wie bringt man 6,7 Milliarden Drogendosen zu 6,7 Milliarden Menschen rund um den Globus?"

Nicht nur an der Heimatfront war der Krieg längst verloren. Auch in den Seelen der Soldaten hinterließ der Kampf gegen einen unsichtbaren Feind Spuren. Gräueltaten, Wahnsinn, Drogen, die Schrecken des Dschungels, Schuldgefühle gegenüber den zahllosen zivilen Opfern und Spätschäden von Chemiewaffen forderten ihren Tribut unter den vergessenen Veteranen. Wann immer die USA seitdem in den Kampf zogen, wurde unweigerlich der Vergleich zu Amerikas größter Niederlage gezogen.

Krieg in den Köpfen von Ex-Soldaten

Vietnam ist ein Trauma, das Amerika bis heute nicht loslässt, weiß Country Joe McDonald: "Vietnam-Veteranen sterben noch immer wegen Agent Orange. Wir spüren noch heute die Nachwirkungen all dieser Probleme. Obwohl diese Generation älter wird, gibt es Schätzungen, dass heute 30 bis 40 Prozent der Obdachlosen Vietnam-Veteranen sind."

Der Krieg in den Köpfen ehemaliger Soldaten geht mehr als drei Jahrzehnte danach immer noch weiter. Auch dies rufen die Songs aus Vietnam in Erinnerung. Zwei CDs sind allein der Musik von Heimkehrern gewidmet. Das letzte Lied wurde 2008 aufgenommen.

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