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Alles muss raus

Die Rückgabe kolonialer Schätze - aspekte vom 7. Mai 2021

Kulturschätze wechselten in der Zeit des Kolonialismus die Besitzer. Bis heute ist unklar, wie genau das von statten ging. Und so steht in vielen unserer Museen die Frage im Raum: Legal erworben oder doch geklaut? Und wem gehört das alles heute?

39 min
39 min
07.05.2021
07.05.2021
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.05.2022

Das Prachtboot aus dem Humboldtforum

Kunstraub in der Südsee

Es ist ein Stück Weltkulturerbe - einmalig in den Museen dieser Welt: das Luf-Boot. Das kunstvoll gezimmerte Schiff ist ein Prunkstück der Sammlung des Berliner Humboldt Forums. "Das Prachtboot" nennt es der Berliner Autor und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch. Untertitel: "Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten". Anhand seiner historischen Recherche enthüllt Götz Aly - dessen Großonkel um 1880 selbst als Marine-Geistlicher an der Unterwerfung der Südsee beteiligt war - am Beispiel des Bismarck-Archipels mit der Insel Luf die tödlichen Strafexpeditionen der kaiserlichen Kanonenboote im Pazifik.

Es ist ein wenig bekanntes Kapitel kolonialer Vergangenheit. Zugleich stellt Götz Aly kurz vor der Öffnung des Berliner Humboldt Forums die kulturpolitische Frage, wie das Luf-Boot im 21. Jahrhundert im Herzen der deutschen Hauptstadt präsentiert werden soll. Sein Vorwurf: Das Boot werde als einmaliges Kulturzeugnis gepriesen, der koloniale Unrechtskontext seines "Erwerbs" aber nahezu ausgeblendet. Müsste sich Deutschland heute nicht eher als Treuhänder denn Besitzer kolonialer Raubgüter verstehen und vor allem den Austausch mit den Nachfahren der Geplünderten suchen? Kritische Fragen, die sich auch an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihr Ethnologisches Museum richten, als deren Schaufenster das Humboldt Forum künftig Maßstäbe setzen soll.

Benins Bronzen

Vor der Rückgabe nach Nigeria

Die Restitutionsdebatte der Benin-Bronzen nimmt Fahrt auf. Für Bundesaußenminister Heiko Maas ist die Rückgabe der Bronzen eine "Frage der Gerechtigkeit". Der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll an einer Lösung arbeiten, die auch die Rückgabe der Bronzen umfasst. Die Restitution der wertvollen Bronzen ist demnach nur noch eine Frage der Zeit und es ist kaum vorstellbar, dass sie im Humboldt Forum gezeigt werden sollen. Berlin besitzt allein 530 Benin-Objekte. Es sind Werke, die einst im Palast von Benin City angebracht waren und die Weltsicht des Benin-Reiches zeigten. Mehr als 3000 dieser wertvollen Kunstschätze, wurden 1897 von den Briten brutal geraubt und sind zum Symbol der Restitutionsdebatte geworden. In Nigeria werden sie schmerzlich vermisst. Eine Spurensuche im nigerianischen Bundesstaat Edo im Süden des Landes - von hier stammen die weltberühmten Benin-Bronzen.

Musik

Sopranistin Fatma Said singt "Aatini", begleitet am Flügel von Tim Allhoff.

Herrenmenschen unter Palmen

Deutschlands Kolonialgeschichte

Zur Grundausstattung rechter Demagogen gehört das Schreckbild des afrikanischen Armuts-Migranten: Ein ungebetener Gast von einem fremden Kontinent, der die (Sozial-)Kassen plündert, die (Leit-)Kultur bedroht, arglose Bürger absticht und wehrlose Frauen vergewaltigt. Dieses rassistische Zerrbild verfängt womöglich deshalb so gut, weil man es nur umdrehen muss, um eine erschreckend zutreffende Beschreibung vom Wirken deutscher Kolonialherren in Afrika zu erhalten: Sie ergaunerten riesige Ländereien, beuteten systematisch Land und Leute aus, zerschlugen die traditionellen Stammeskulturen und hielten Frauen für ihre persönliche Verfügungsmasse. Die Psychoanalyse spricht in solchen Fällen von Projektion. Nicht nur deshalb fällt uns die vergleichsweise kurze Phase des deutschen Kolonialreichs (1884 - 1918) heute wieder auf die Füße. Das "Weltreich" der Deutschen wurde erst verklärt, dann marginalisiert und schließlich vom Holocaust überlagert. Eine breite gesellschaftliche Aufarbeitung steht daher immer noch aus. Bekanntlich ist die Welt am deutschen Wesen nicht genesen. Aber sie wird gewiss noch einige Zeit brauchen, um sich vom letzten Versuch zu erholen.

"Adas Raum"

Sharon Dodua Otoos Romandebüt

Die Vergangenheit ist nicht vergangen; vielmehr sind alle Wesen in Geschichte, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden: Das ist die Einsicht, die die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo in ihrem Romandebüt "Adas Raum" entfaltet. Die Britin mit ghanaischen Wurzeln, die seit fünfzehn Jahren in Deutschland lebt, ist eine der wichtigsten Stimmen der neuen deutschen Literatur und schreibt hochpoetisch, sprachmächtig und funkelnd. Ihr Roman beginnt im vorkolonialen Westafrika; die junge Ada hat gerade ihr Baby im Wochenbett verloren, als sie zum ersten Mal einen portugiesischen Eroberer begegnet - er wird sie töten, um ihr goldenes Armband zu stehlen. Anschließend folgt eine lange Reise durch die Geschichte, und darin wird Ada in mehreren Gestalten wiederkehren: als Mathematikerin Ada Lovelace, als Zwangsprostituierte in Mittelbau-Dora und als schwangere, ghanaische Informatikstudentin auf Wohnungssuche im gentrifizierten Berlin.

Begleitet wird sie von einem körperlosen Wesen, das in Adas verschiedenen Leben immer wieder die Gestalt von Dingen annimmt, wie einem Reisigbesen, einem Türknopf oder einem Reisepass - und über Adas Leben Zeugnis ablegt. Durch diese raffinierte literarische Technik gewinnt Otoo eine Erzählerperspektive, die die Jahrhunderte überblickt. Und es wird klar: Ada wird in allen Figurationen immer wieder Opfer männlicher, rassistischer Gewalt. Dennoch gibt es die Möglichkeit, dass sie diese Unterdrückung überwindet. Am Ende wird die zeitgenössische Ada das Armband als Raubkunst in einem Berliner Museum wiederfinden. Sie wird Anspruch darauf erheben, nämlich als ein "Wir" dieser unterdrückten Frauen.

Rembrandt, habibi

Ein postkolonialer Blick auf den Barockmaler

Altbekannte Dinge neu betrachten – dazu ruft auch die Journalistin und Autorin Amina Aziz auf und öffnet neue Perspektiven auf den niederländischen Altmeister Rembrandt und seine Weggefährten des Goldenen Zeitalters, wie es immer so schön heisst. Gemeint ist das 17. Jahrhundert, in dem der Kolonialismus, gerade Hollands, florierte. Die Bilder, die Rembrandt zur dieser Zeit vom Orient malte, sind aktuell im Potsdamer Museum Barberini zu sehen - eine Ahnung von all den Grausamkeiten, die sich im tatsächlichen Orient von damals abspielten, bekommt man in Aziz' Podcast "Rembrandt, habibi!" - zugespitzt und mit postkolonial informiertem Blick.

Stab

  • Moderation - Katty Salié
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