Saudi-Arabien im Wandel?

Ein Gottesstaat im Umbruch

Anders als in Tunesien, Ägypten, Syrien oder Yemen scheint das größte, mächtigste und reichste Land der arabischen Halbinsel vom Wandel in der arabischen Welt kaum erfasst. Saudi-Arabiens Probleme sind weniger sozial als kulturell begründet.

Das Folklorefestival in Janadriyah wirkt wie eine Mischung aus Oktoberfest ohne Bier und Disneyworld. In Lehmbauten nach historischen Vorbildern präsentieren sich die 13 Regionen des Landes. Und man darf sich ungestraft amüsieren. In einem Land ohne Kino und Discos ist das nicht wenig.

Zukunft der saudischen Gesellschaft

Der König, Bildungsminister Prinz Faisal und andere moderate Prinzen suchen eine Balance zwischen den Religionswächtern und den Freiheitswünschen der Jungen. Auf dem Bündnis von Staat und Religion gründet das Königshaus. Doch zwischen den Zeilen des leutseligen Prinzen Faisal ist nicht zu überhören, wie er denkt. Und auch er weiß: Mit den Ölmilliarden allein ist Unzufriedenheit nicht dauerhaft zu besänftigen. "Unser Problem: Da ist Geld, wir können den Wandel kaufen. Aber nicht kaufen können wir das Leben", sagt Prinz Faisal im Interview. "Nicht kaufen können wir das, was unsere Kultur ausmacht, etwas das sich entwickelt, unsere Tradition. Und die wird von der Religion gehalten. Wir werden nicht unsere Religion ändern. Aber wir können unsere Kultur verändern und wir werden unsere Religion so präsentieren, dass sie passt. Tief im Herzen glauben wir, dass der Islam an jedem Ort und in jede Zeit passt."

Das Interview mit Bildungsminister Prinz Faisal in voller Länge

Dem Anthropologen und Verleger Saad Sowayan geht das nicht weit genug. Er fordert, die saudische Regierung sollte auf die Modernisierung des Landes und der Gesellschaft setzen, sich aus der Zustimmung der Massen legitimieren, statt sich auf den Koran zu berufen: "Die Regierung macht Politik. Die Regierung ist bei den Stärksten, Lautesten. Und ich denke, die Klerikalen sind die mit der lautesten Stimme. Sie sind der stärkste Block. Das sind die Leute, die die Straße mobilisieren können. Und deshalb nimmt die Regierung Rücksicht auf sie."

"Weniger Religion, mehr Wissenschaft"

ildung ist der Schlüssel zum Wandel. Doch alle Bildungsanstrengungen sagen nichts aus über den Geist der Erziehung. Die Religion bestimmt noch immer weitgehend den Inhalt der Lehrpläne. "Wir leben im Zeitalter der Wissensrevolution", so Prinz Faisal. "Und Erziehung ist so wichtig, weil wir wirklich auf Veränderung setzen, und ohne Erziehung gibt es keinen Wandel. Wir setzen das wirklich um und jeder hofft auf eine bessere Bildung, auf einen besseren Wandel, um eine bessere Welt zu schaffen. Aber machen Sie sich klar: Was Sie Demokratie nennen ist etwas anderes, eine andere Bedeutung, eine andere Kultur."

Anthropologe Saad Sowayan im Gespräch

Saad Sowayan sieht das anders: "Wenn wir unser Erziehungssystem reformieren, wird es auch die Art und Weise reformieren, wie unsere jungen Leute denken und die Welt betrachten. Lasst die Klerikalen in Ruhe. Aber wir müssen unsere Lehrpläne ändern. Dann brauchen wir weniger Religion und mehr Wissenschaft und intellektuelles Denken und logisches Denken und Denken, wie man Probleme löst. Das wird Veränderung bringen."

Zaghafte Anfänge

Die schlummernden Kräfte Saudi-Arabiens zu wecken und sie nicht zu fürchten - das wird die Kunst der Regierung sein. Die Jugend braucht nicht bloß Regeln, sondern Perspektiven. "Die Schuld liegt bei uns. Wir müssen den Islam so zeigen, wie er wirklich ist. Und ich glaube, dann werden wir sehen, dass die Menschen ihn akzeptieren und zumindest versuchen ihn zu verstehen", meint Prinz Faisal. "Nicht das Stereotyp, nicht Bin Laden, nicht 9/11, nicht das, was man heute im Irak oder in Libyen oder im Iran sieht. Nein. Wir wollen die wirkliche Botschaft von einem Gott, der kam, um den Menschen zu helfen."

Für Saad Sowayan besteht das Problem darin, dass die Klerikalen den Dialog nicht erlauben: "Sie wollen immer das letzte Wort haben. Am Ende wollen sie immer die endgültige Entscheidung behalten." Dass ausgerechnet ein Folklorefestival hilft, die religiösen Eiferer zu schwächen, klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Denn dies hätte es vor zwei Jahren noch nicht gegeben: Es wird getanzt, nicht nur auf der Bühne. Junge Männer, junge Frauen. Es sind zaghafte Anfänge.

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