Schläft ein Lied in allen Dingen

Was heißt es, kompromisslos zu leben?

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist sehr guter Film. Es geht um die Kunst und um die Suche eines Menschen nach Authentizität. Mit berührenden, nicht etwa rührseligen Bildern - vom Leben auf der Straße.

Leben auf der Straße. Gibt es das nur aus Not oder auch nach "Wahl"? Den eigenen Weg zu gehen, ohne Kompromisse, auch wenn dies Armut und Einsamkeit bedeutet, sich nicht von Menschen aushalten lassen - das eint Martin und Hanna. Beide leben sie auf der Straße, lebten auf der Straße, denn Hanna ist tot.

Martin hat sie lebend nicht gekannt, hat sie erstmals gesehen, als sie in einer Kölner Bahnhofsunterführung hockte, die Zigarette in der Hand, bewegungslos. Als er den Puls fühlt merkt er: Sie ist tot. Er durchsucht, wenn auch beschämt, ihre Sachen. Eine Papiertüte nimmt er mit, voll mit tagebuchähnlichen Notizen, mit Gedichten, die Einblick geben in ihr Leben und in denen Martin erkennt: Hanna war wie ich.

Nähe versus Autonomie

Hannas Gedichte spiegeln und kommentieren in der Folge Martins Leben. Es ist das Leben eines hochbegabten New-Jazz-Trompeters, der, obwohl er von verschiedenen Seiten gefördert werden könnte, lieber auf der Straße lebt, weil er meint, sonst Kompromisse eingehen, sich verbiegen zu müssen. Gerade seiner großen Liebe Kristina, ebenfalls Musikerin, kann er nicht glauben, dass sie ihn wirklich liebt. Er meint, sie liebe nur seine musikalischen Leistungen - so sehr, dass er schließlich wegläuft und lieber auf der Straße lebt als bei ihr. Vergessen kann er sie jedoch nicht. Immer wieder suchen sich die beiden. Kristina entdeckt ihn schließlich bei der Strafarbeit auf einem Friedhof, zu der er wegen einer Bahnhofsschlägerei verurteilt wurde. Martin steht immer wieder bei ihr vor der Tür, wartet rauchend auf sie und vermasselt es dann doch jedes Mal aufs Neue.

Hannas Gedichte und Martins New-Jazz Melodien auf der Trompete geben dem Film eine zarte Melancholie, drücken die Sehnsucht nach Nähe und gleichzeitiger Autonomie aus. Dazu geben die große schauspielerische Leistung von Stefan Rudolf (Martin) und Chulpan Khamatova (Kristina) der ruhenden Kameraeinstellung eine Tiefe.

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