Schüchterne Tiger auf der elektrischen Insel

Die Kölner Band "Timid Tiger"

Schon ihr Name ist widersprüchlich: Sie nennen sich Timid Tiger, also schüchterner Tiger. Schüchtern und scheu sind die fünf Jungs aber gar nicht. Jung sind sie - die meisten erst Ende 20. Sie lieben den Widerspruch und die Vielseitigkeit. Nicht nur im Namen, sondern auch in ihrer Musik. Und das Potential schöpfen sie aus. Ihr Mix kommt unkonventionell daher, satt, reif mit viel effektvoller Nachbearbeitung.

Da ist von allem etwas dabei: Ihr Stil vereint Gitarren von The Who mit Gesang von Prince. Lady Gaga-Elektronik mit Britpop. Fast alles kann man irgendwo heraus hören. Kritiker könnten das gefällig finden. Aber ist es denn schlimm, wenn ihre Musik vielen Leuten gefällt? Der Sound ist frisch und jung, nicht eintönig. Musik für Genießer, die eben gute Laune macht und perfekt in den Sommer passt.

Eine bedrohte Tierart

Inspiration ziehen die jungen Musiker auch aus unterschiedlichen Kultureinflüssen. Keyboarder Evgeni kommt aus Russland, hat dort klassische Musik gelernt. Gitarrist Christian hat schwedische Wurzeln. Verbindung nach Indien ist Sänger Keshav, dessen Vater ein weltbekannter Perkussionist ist. Zuletzt kamen Bassist Christopher und Schlagzeuger Steffen in die Band.

Doch da ist auch ein tragischer Part in ihrer Karriere, an der die Gruppe fast zerbrochen wäre. Zeitweise hat das die schüchternen Tiger sozusagen auf die Liste der bedrohten Tierarten gesetzt. Schon einmal waren sie bekannt: 2004, sie hatten sich gerade einen Namen gemacht, wird ihr Song Miss Murray im Radio gespielt und landet auf der CD einer Musikzeitschrift. Dann geht es sehr schnell: Das Hamburger Independent-Label L'age d'or nimmt Timid Tiger Anfang 2005 unter Vertrag und vertreibt ihr Album. Schnell ist aber auch alles wieder vorbei. Das Label geht pleite, sie werden zu unverkäuflicher Konkursmasse. Mit allen Rechten sind sie gebunden, Anwälte streiten sich um Lizenzen. Kein guter Start, wenn man gerade Anfang Zwanzig ist und eigentlich nur Musik machen möchte.

Ohne Hose auf der Bühne

Im Nachhinein lobt das Musikmagazin Intro ihre Stehaufmännchen-Qualität: "Alle reden von Krise, Krise, Krise. Timid Tiger aber wurden von jener sogar noch ins Bett gezerrt." Und so ist die Band ein gutes Beispiel dafür, wie man Krisen überstehen kann: Mit Selbstvertrauen auf Durststrecken. Das hat den schüchternen Tigern geholfen. Fast fünf Jahre Stillstand sind überwunden, haben die Band sogar gestärkt.

Die elektrische Spannung, den speziellen Timid Tiger Klang, transportieren die jungen Sänger auch auf die Bühne. Gerade waren sie auf Deutschlandtournee, haben sogar bei den großen Festivals Hurricane und Southside gespielt. Die nächsten Termine stehen schon fest. Bei Livekonzerten gibt die Band alles. Eine echte Mitmachband: Besonders beliebt ist etwa ihr Lied Ina Mina Dika, Musik aus einem alten Bollywood-Film. Bunte hibbelige Indie-Disko, zu der sie die Fans auf die Bühne holen. Die dürfen dann Schilder mit den Textzeilen an der richtigen Stelle in die Luft recken. Spätestens dann reißt es jeden Konzertbesucher mit.

Netzdschungel als zweiter Lebensraum

Besonderes Aufsehen erregt auch das Bühnen-Outfit der fünf Jungs: Glitzernde Pailetten-Stirnbänder, die in den wildesten Farben funkeln, sind da noch das Normalste: Sänger Keshav tritt auf der Bühne auch ganz gern nur mit einer schwarzen Boxershort bekleidet auf, die er mit Hosenträgern befestigt. Dazu eine Sonnenbrille, auf Schuhe verzichtet er ganz. Entstanden ist dieser von ihm als "No-Pant-Look" bezeichnete Stil im Proberaum bei Temperaturen jenseits der 30 Grad, erzählt er: "Es war so heiß, dass ich die Hose ausgezogen habe und darunter hatte ich die Boxershort. Zu der Zeit haben wir gerade nach Bühnenoutfits gesucht und die anderen Jungs haben gesagt, so musst du auftreten. Dabei ist es geblieben."

Weil sie stolz auf ihre Bühnenshows sind, scheut es sie auch nicht, wenn die Fans bei Konzerten Kameras und Fotoapparate zücken. Im Gegenteil, sie sammeln sogar besonders gelungene Bilder. Auch sonst setzen Timid Tiger auf Mundpropaganda - und zwar im Internet. Profis würden von gelungenem viralem Marketing sprechen. Der Netzdschungel ist ihr zweiter Lebensraum: Sie bloggen, lassen Fans ihre Musik remixen, veröffentlichen wilde Backstagevideos. Bei so viel Kreativität ist es nur selbstverständlich, dass die Band mit Profilen in allen großen Netzwerken wie Facebook, Twitter, YouTube oder MySpace vertreten ist.

Schiffbrüchige auf der elektrischen Insel

Timid Tiger gehören zur jungen Generation der Musikmacher. Sie selbst sind zwar mit CDs aufgewachsen, ihre eigene Musik verkaufen aber vor allem in Downloadshops. Kostenlose Musikdownloads bietet die Band nebenher aber ebenso selbstverständlich an. Nicht alles muss im Internet gleich abgerechnet werden.´Welche Wirkung so ein kostenloser Download haben kann, bemerkten die fünf Jungs, als ihr Remix des Britney Spears Smash-Hits "Womanizer" von amerikanischen Musikblog Pretty Much Amazing empfohlen wurde. Plötzlich wurden die New York Times und die Washington Post auf sie aufmerksam und ihre Musik lief überall. Der kritische Punkt war überwunden.

Vom Schicksal in den Keller geschickt, soll es jetzt auf bestem Weg nach ganz oben gehen. Ein neues Label ist gefunden. Seit diesem Jahr sind sie bei Columbia Records, Teil des Weltkonzerns Sony, unter Vertrag und können nun wieder so richtig Vollgas geben. Doch die Tiger sind gebrannte Kinder und wollen lieber autark bleiben. Deswegen haben sie sich im Kölner Süden ein Kellerstudio eingerichtet. "Electric Island" nennen sie den Probenraum. Er ist die Insel, auf die sie sich gerettet haben, als sie schiffbrüchig wurden. Hier proben und produzieren sie für sich.

Auf dem zweiten Weg nach oben

Umgeben von vielen elektronischen Synthesizern, aber weiterhin mit herkömmlichen Instrumenten: Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug. "Electric Island" ist auch der Name ihres zweiten ersten Albums. Vollgepackt mit dem besonderen elektronischen Klang. Mit Electrosound und Indievibes sind Timid Tiger auf dem zweiten Weg nach oben. Wieder eine deutsche Erfolgsgeschichte? Es sieht ganz danach aus. Stylish, eingängig und clever.

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