Schweigen im Osten

50 Jahre Mauerbau: "Bau auf, bau auf!" - die Künstler und die Mauer

Während am 13. August 1961 angesichts des Baus der Berliner Mauer ein Aufschrei durch den Westen ging, blieb es im Osten Deutschlands erstaunlich ruhig. Intellektuelle und Künstler der DDR verharrten in Schweigen - oder sprachen sich offen für den Mauerbau aus.

Mauerbau: Potsdamer Platz am 13. August 1961
Mauerbau: Potsdamer Platz am 13. August 1961 Quelle: dpa

Im August 1961 greift Eva-Maria Hagen zur Gitarre und singt für die Jungs an der Mauer. Sie ist der verführerischste Filmstar der DDR - ihr Einsatz soll den Grenzsoldaten den Rücken stärken. Doch was hat sie sich selbst vom Mauerbau erhofft? "Mehr Offenheit, mehr Wahrheit", sagt Eva-Maria Hagen. "Dass das jetzt möglich ist, wo die Mauer zu ist. Die können uns ja jetzt nichts mehr."

"Es ging mir gut"

Ein Schutzwall gegen die Störenfriede aus dem Westen - so hat sie es gelernt. Und wie Eva-Maria Hagen denken viele im Osten. "Die DDR war mein Zuhause", sagt sie. "Und hier bin ich was geworden - ohne dass ich in einer Partei war, oder ohne dass ich nach deren Gesetzen leben musste. Ich war blauäugig, naiv, eine fröhliche Natur. Es ging mir gut." Eva-Maria Hagen gilt Anfang der 60er Jahre als die "Romy Schneider des Ostens".

Eva-Maria Hagen singt zum Mauerbau 1961

Im Film verliebt sie sich schon mal in einen Volkspolizisten. Privat aber hat der Mauerbau durchaus Nachteile für den schönsten Star der DEFA. "Dass ich nicht mehr ins Kino an den Steinplatz gehen konnte und die tollen Filme angucken", erinnert sie sich. "Oder chinesisch essen gehen oder am Ku'damm lang bummeln und bei Horn ein schickes Kleid kaufen oder Schminke und Kosmetika. Das hat man sich ja alles da besorgt. Und dann war das plötzlich dicht."

DDR-Filmstars werben für die DDR

Kein Grund, gleich auf die Barrikaden zu gehen. Vielmehr werben viele DDR-Filmstars dafür, in der DDR zu bleiben. Manfred Krug etwa oder Angelica Domröse - sie spielt in einem Mauerfilm mit, in dem sie Republikflüchtigen den Auspuff verstopft und so die Flucht in den Westen vereitelt. Eine Überzeugungstat.


Auch Armin Müller-Stahl schlüpft schließlich in die Kampfgruppen-Uniform, um als Grenzwächter den eigenen Bruder vom Sprung über die Mauer abzuhalten. Zum Glück kommt es im DEFA-Mauerfilm nur zu Wortgefechten. "Ich hab ja nicht gedacht, dass die schießen werden oder so, sondern nur so zur Sicherheit", sagt Eva-Maria Hagen. "Und dann, dass wir endlich vielleicht ein bisschen weiterkommen mit der Entwicklung. Dass nicht die Westdeutschen, die Westberliner immer hier rüber kommen und ihr Geld umtauschen und das alles leer kaufen, wo es alles bei uns so knapp war. Ich fand das schon in Ordnung."

Paradoxe Zukunftsgewissheit

Auch Wolf Biermann war im heißen Sommer 1961 für den Mauerbau - doch 15 Jahre später sperrt ihn die DDR als unbequemen Kritiker aus. Die Mauer frisst ihre Kinder. Doch diesmal regt sich Widerstand. In einem offenen Brief protestieren auch jene Schauspieler gegen Biermanns Ausbürgerung, die einst den Mauerbau verteidigten. Der Staat straft sie dafür mit Auftrittsverbot. Und so finden sich die Stars der DDR-Mauerfilme schließlich auf der anderen Seite der Mauer - im Westen - wieder.

Ironie der Geschichte? Der Publizist Jens Bisky hat in seinem Buch "Geboren am 13. August" sein Aufwachsen in einem sozialistischen Elternhaus - im Schatten der Mauer - beschrieben. Die Zustimmung zum Mauerbau, so seine These, beruhte auf einer Zukunftsgewissheit, die heute fast paradox anmutet. "Es gab zumindest die Hoffnung", sagt Bisky, "jetzt, wo wir endlich für uns sind und es keine Störungen mehr gibt und die Ausreisebewegung, die nicht mehr zu stoppen war, aufhört - jetzt können wir im Inneren mal wirklich zeigen, was Sozialismus ist, was Sozialismus kann und dann dadurch auch attraktiv werden."

"Wir haben geirrt"

Doch es kam anders - auch für Eva-Maria Hagen. Sie gerät ins Visier der Stasi und soll als Frau des Querdenkers Wolf Biermann "zersetzt" werden. Im Westen dann hören die beiden nicht auf, die deutsche Teilung zum Thema zu machen, auch als das keiner mehr hören will. Zwei, die 1961 den Mauerbau für richtig hielten. Zwei der wenigen, die offen sagen: "Wir haben damals - fürchterlich - geirrt".

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