Sehnsucht nach dem Leben der Anderen

Sayed Kashuas Roman "Zweite Person Singular"

Der Roman des 36-jährigen Sayed Kashua ist sein bisher bester und so spannend, dass man ihn, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen will, so begierig ist der Leser darauf, zu erfahren, wie er endet. Doch "Zweite Person Singular" ist kein Krimi, sondern ein Gesellschaftsroman.

Die Menschen, von denen er erzählt, sind wie der Autor israelische Araber. Palästinenser mit israelischem Pass stellen 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Israels. Sie leben in einem schwierigen Spagat zwischen zwei Welten: der jüdischen Mehrheit und der palästinensischen Minderheit. Wohin gehören sie? Nach ihrer Herkunft und Kultur zu den Arabern? Oder nach Wohnort und Staatsangehörigkeit zu den Israelis?

Zwei arabische Hauptfiguren

Diese Zerrissenheit, die Suche nach der eigenen Identität sind Thema aller Romane Kashuas und alle sind sie autobiografisch geprägt. Sein neuer hat zwei arabische Hauptfiguren: einen namenlosen Rechtsanwalt mit Kanzlei in Westjerusalem, dem jüdischen Teil der Stadt; und den Sozialarbeiter Amir, der nachts einen im Koma liegenden jungen Israeli pflegt, um sich etwas dazuzuverdienen.

Der Rechtsanwalt hat viel erreicht in seinem Leben: Die Geschäfte laufen gut, er hat eine berufstätige Frau, eine Tochter, ein Haus, einen sehr teuren Wagen, die richtigen Freunde, mit denen er teuren alten Whisky trinkt und Sushi isst. Doch glücklich ist er nicht, er und seine Frau leben aneinander vorbei und es plagen ihn Minderwertigkeitsgefühle. Er orientiert sich an den Juden, imitiert ihren Lebensstil, schafft sich ihre Statussymbole an, möchte so selbstsicher und gebildet sein wie sie. Regelmäßig kauft er sich Klassiker der Weltliteratur, um sich ihren Bildungskanon anzueignen.

Arabische Israelis: Bürger zweiter Klasse

Ausgerechnet bei der Lektüre von Tolstois "Kreutzersonate" fällt ihm aus dem Buch ein Zettel entgegen: Er ist offenbar an einen Mann gerichtet und geschrieben ist er - in der Handschrift seiner Frau! Seine Identität scheint sich aufzulösen: Aus dem westlich orientierten, modernen Anwalt, der rückständige arabische Familientraditionen verachtet, wird ein rasend Eifersüchtiger, der nur noch einen Lebensinhalt hat: herauszufinden, wer jener Mann ist, mit dem seine Frau eine Affäre hat. Statt sie zur Rede zu stellen, verfolgt und bespitzelt er sie, wie besessen macht er sich an die Detektivarbeit ...

Seine und die Geschichte Amirs beginnen unabhängig voneinander, laufen parallel, werden dann kunstvoll miteinander verwoben. Amir hat nicht so viel Glück gehabt wie der Rechtsanwalt. Er konnte keinen der begehrten Studienplätze für Medizin oder Jura ergattern, wie ihn sich arabische Eltern für den sozialen Aufstieg ihrer Kinder wünschen. So blieb ihm nur das Fach Sozialarbeit und danach ein schlecht bezahlter Job. Amirs Lebenslauf zeigt, dass arabische Israelis noch immer Bürger zweiter Klasse sind. Die Arbeitslosigkeit unter arabisch-israelischen Akademikern ist fünfmal so hoch wie die unter ihren jüdischen Kommilitonen. Amir möchte nebenher kellnern, doch die Jobs mit Trinkgeld kriegen nur junge Israelis - Palästinenser schuften in der Küche, ohne Kontakt zu den Gästen, ohne Trinkgeld.

Man will dazugehören

In den Nächten bei dem jungen Mann im Koma kann Amir kaum schlafen. Es dauert nicht lange, da hört er dessen CDs mit israelischer und westlicher Pop- und Rockmusik, liest seine Bücher, trägt manchmal Kleider des Schwerstkranken, die dieser nie mehr anziehen wird. Er entdeckt dessen Fotokamera und die Bilder, die er gemacht hat, beginnt sich selbst das Fotografieren beizubringen, möchte eine Kunstakademie besuchen. Aber Amir will kein Alibi-Araber, kein Quoten-Palästinenser an der berühmten Bezalel sein - er will aufgenommen werden, weil er gut ist! Amir will, wie der Rechtsanwalt, dazugehören zur israelischen Gesellschaft, nicht mehr von ihr misstrauisch beäugt werden. So kommt er auf eine unglaubliche Idee: Er schlüpft in die Identität des Mannes, den er pflegt, der etwa so alt ist wie er ...

Sayed Kashua scheint geschafft zu haben, wovon seine Romanfiguren träumen. Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Als hochbegabtes Kind kam er durch ein Stipendium auf ein israelisches Eliteinternat in Jerusalem - von den traumatischen Erfahrungen als nahezu einziger arabischer Junge unter lauter jüdischen handelt sein erster Roman "Tanzende Araber".

Bitterer, manchmal scharfer Ton

Kashua schreibt auf Hebräisch und erreicht so die israelischen Leser: jedes seiner Bücher wurde ein Bestseller. Er gehört zu den besten Schriftstellern Israels, schreibt witzig-melancholische Kolumnen in israelischen Zeitungen und ist der Drehbuchautor der Kultserie "Avodah Aravit" ("Arabische Arbeit", im Hebräischen auch ein Ausdruck für Pfusch). Die Sitcom erzählt mit Woody Allen-Humor von den Alltags-Nöten eines arabischen Israeli und läuft mit arabischen Untertiteln höchst erfolgreich im israelischen Fernsehen. Er hat es geschafft, "eine arabische Familie in israelische Wohnzimmer zu bringen". Sayed schreibt gerade an der dritten Staffel.

Sein Ton ist bisweilen bitter, mitunter scharf wie ein Rasiermesser, dann wieder selbstironisch und voll schwarzem Humor. Seine Diskussionsveranstaltungen mit israelischen Soldaten sind mutig - ebenso offen schreibt er auch über seine eigenen Ängste und Unsicherheiten. Manchmal verzweifelt er fast daran, die Kluft zwischen den Kulturen zu überbrücken. Da geht es ihm nicht viel anders als seinen Helden. Kashua lebt mit Frau und zwei Kindern in einem jüdischen Viertel Jerusalems, er weiß, wovon er redet.

Aufwühlend, herausragend

In "Zweite Person Singular" laufen die beiden Geschichten unausweichlich aufeinander zu. Wie hängen sie zusammen? Wird der Rechtsanwalt seine Frau aus Eifersucht töten wie einst der Protagonist der "Kreutzersonate"? Wird Amir mit der fremden Identität ein neuer Mensch? "Zweite Person Singular", in schnörkelloser, ungekünstelter Sprache geschrieben, ist raffiniert konstruiert. Subtil bis in kleine Details zeichnet Kashua, wie schwer es für israelische Araber ist, sich in Israel zu behaupten, so sehr sie sich auch anpassen. Gleichzeitig gelingt es Sayed Kashua, seinem Roman weit über den Nahen Osten hinaus allgemeingültige Tiefe zu verleihen. Ein großer Wurf, ein aufwühlender, herausragender Roman.

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