"Shutter Island"

Unentschieden und reichlich platt - der neue Scorsese ist eine Enttäuschung

Der neue Film von Oscar-Preisträger Martin Scorsese basiert auf dem Roman von Dennis Lehane, dessen "Gone Baby Gone" und "Mystic River" (Regie: Clint Eastwood) bereits erfolgreich verfilmt wurden. Im Jahr 1954 setzen die beiden US-Marshals Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und Chuck Aule (Mark Ruffalo) auf die düstere, sturmumtoste Gefängnisinsel Shutter Island über.

Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Leonardo DiCaprio in Shutter Island
Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Leonardo DiCaprio in Shutter Island Quelle: Concorde Filmverleih 2009/Andrew

Bleischwer hängt der Himmel über dem schwarzen Meer, bedrohlich ragen die steilen Felsen der Insel empor, schaurig und unheilschwanger dröhnt die Filmmusik. Hier sind gemeingefährliche, geisteskranke Mörder inhaftiert. Daniels und Aule sollen das mysteriöse Verschwinden einer Insassin, die ihre drei Kinder ermordet hat, aufklären.

Hier stimmt was nicht!

Kaum haben die beiden Ermittler die trostlosen Gemäuer betreten und den undurchsichtigen Dr. Cawley (Ben Kingsley) befragt, ist klar: Hier stimmt was nicht! Ist Cawley wirklich ein humaner Mediziner, der sich von den althergebrachten entsetzlichen Behandlungsmethoden der Psychiatrie wie Elektroschocks und Lobotomie abwendet und neue Psychopharmaka zum Besten der Patienten einsetzt? Hat sein Chef, der deutschstämmige Dr. Naehring (Max von Sydow), eine Nazi-Vergangenheit?

Die "Shutter Island"-Crew im Interview

Teddy Daniels wiederum wird von quälenden Halluzinationen seiner Kriegserlebnisse als Dachau-Befreier und dem späteren Feuertod seiner Frau heimgesucht. Daniels hegt den Verdacht, dass auf der abgeschlossenen Insel von der US-Regierung in Auftrag gegebene brutale Psycho-Experimente durchgeführt werden, um Kontrolle über das menschliche Gehirn zu erlangen. Bald werden die beiden Ermittler zu Verfolgten.

Horror erschöpft sich schnell

Scorsese bietet jedes Mittel auf, um Grusel und Spannung zu verbreiten. Äste peitschen im Sturm gegen die Fenster, grimmig blicken die Wärter, irre flackern die Augen der Eingesperrten, feucht tropfen die Wände der finsteren Gänge, in denen Schreie gellen, immer tiefer wird die Stirnfalte DiCaprios, je mehr sich das Verwirrspiel steigert. Was ist wahr - was Wahnvorstellung? Schnell hat sich all der Horror erschöpft - und wird doch über lange zweieinhalb Stunden ausgedehnt. Kein Effekt, den man nicht schon anderswo gesehen hätte.

Das Ärgerlichste aber an "Shutter Island" sind die Rückblenden und Traumsequenzen. Hier schreckt Scorsese vor keinem Klischee zurück: Asche regnet von der Decke, eine brennende Frau zerfließt zu Blut, Wasserleichen treiben zwischen Seerosen - das alles in Bonbonfarben. Selbst KZ-Opfer ersterben in eisiger Schönheit vor Güterwaggons. Das ist unverschämt geschmacklos - und der eigentliche Horror dieses Films.

DiCaprio müht sich

Leonardo DiCaprio gibt sich alle Mühe, schauspielerisch die Stadien von hartem Durchgreifen über Zweifel, Angst, Traumatisierung bis hin zum Wahn zu meistern. Aber er wirkt zu jung und glatt, um ihm das wirklich abzunehmen. Ben Kinsley und Max von Sydow spielen souverän wie immer. "Shutter Island" ist unentschieden und reichlich platt - eine Enttäuschung.

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