Spaß im Scheitern

"The Tourist" - Donnersmarck in Hollywood

Lasst schöne Menschen gefährliche Dinge tun! Irgendwer in Hollywood scheint immer noch an diese simple Erfolgsformel zu glauben. Und dann noch einen Oscar-Regisseur anheuern - fertig ist die Laube. Ein romantischer Actionfilm, gedreht an Realschauplätzen in Paris und Venedig, Kanonen-donnert die Filmwerbung. Und schön sind sie ja: Angie, Johnny und der Canale Grande. Aber deswegen funktioniert der Film "The Tourist" trotzdem nicht. Jede Szene schreit geradezu: Das ist kein typisches Hollywood-Produkt! Das ist Unterhaltung mit Stil!

Wer im Kinosessel sitzt, erlebt einen Thriller ohne Thrill, der sich über weite Strecken müde dahinschleppt. Die Action ist nicht wirklich nervenzerrend, die Romantik endet bei romantischen Kulissen und von den Figuren erfährt man kaum etwas.

Es glänzt und glimmert

"The Tourist" ist das Remake eines erst fünf Jahre alten französischen Krimis. Und spätestens jetzt fragt man sich, warum zum Henker sich Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck das angetan hat. Donnersmarck selbst erklärt das so: "Ich hatte ein Drehbuch fertig geschrieben, das ich gerade anfangen wollte umzusetzen, als dieses Projekt 'The Tourist' auf mich zu kam. Da schien es mir doch sehr reizvoll, einen Ausflug ins ganz klassische und glamouröse Hollywood zu machen. Und außerdem sah ich die Möglichkeit einen Film zu machen, in dem ich zwei ganz große Schauspieler zusammen bringen könnte. Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Film einzuschieben, bevor ich mich nächstes Jahr wieder düsteren und schweren Stoffen zuwende."

In "The Tourist" ist gar nichts düster. Alles glänzt und glimmert unentwegt: Angelina Jolie ist Elise, die Geliebte eines flüchtigen Schwerverbrechers. Die Polizei von halb Europa ist ihr auf den Fersen, weshalb sie sich zur Tarnung eine Reisebekanntschaft anlacht. Es darf also wieder gründlich überwacht und gespitzelt werden. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten zu Donnersmarcks sensationellem Debütfilm "Das Leben der Anderen". Doch ist das nicht legitim für einen Überflieger wie ihn, einfach mal etwas ganz anderes zu machen? Über ein Jahr lang räumte er mit seinem düsteren Stasi-Drama fast jeden verfügbaren Filmpreis bis hin zum Oscar 2007 ab, dann zog er um nach Hollywood. Unser "German Wunderkind".

"Er macht alles tiefsinniger"

"Das ist jetzt für mich kein 'Karrieremove' nach Hollywood zu gehen und dort einen Film zu machen", sagt Florian Henckel von Donnersmarck. Dieser Film vielleicht wirklich nicht, würde man gern dazwischenwerfen. Doch Donnersmarck weiter: "Für mich ist das eigentlich eine abenteuerliche Selbstentdeckungs- und Lernreise. Ich möchte ein besserer Regisseur werden, ich möchte mich bis zu dem Tag, an dem ich das letzte Mal an eine Kamera trete, kontinuierlich verbessern. Es sind nun mal viele der besten Filmemacher der Welt in L.A. und durch den Austausch mit denen lerne ich einfach täglich was. Für mich ist es einfach ein großes Abenteuer."

Regisseur Von Donnersmarck über "The Tourist"

Kann ja sein. Nur: Wo führt das Abenteuer hin? Immerhin, die Stars liegen dem jungen Grafen zu Füßen - wegen seiner Weltgewandtheit und dem Alte-Welt-Flair. Johnny Depp hält Donnersmarck für "unverdorben vom Horror von Hollywood - in diesem Sinne rein". Und Angelina Jolie kommt beim Interviewtermin in Paris aus der Schwärmerei gar nicht mehr raus: "Sein europäisches Feingefühl ist wunderbar, seine Kultiviertheit. Er ist ein echter Intellektueller - darin, wie er sich der Kunst und dem Film annähert. Das ist bei ihm ganz anders. Es geht ihm nicht nur um Unterhaltung, nicht nur um eine Story. Er macht alles immer komplexer, immer tiefsinniger." Sie spricht sogar davon, er könne Hollywood ein Stück weit besser machen.

"Ich neige nicht so zu Ängsten"

Jolie war es auch, die den deutschen Regisseur erneut an Bord holte, nachdem er das Projekt schon einmal verlassen hatte. "The Tourist" ist eine dieser Geschichten direkt aus der Produktionshölle von Hollywood, mit einem großen Studio im Nacken, wechselnden Darstellern, Drehbuchdoktoren und Regisseuren. Keine guten Voraussetzungen, mit zu vielen Köchen an einem Brei zu rühren. Doch kein böses Wort dazu von Donnersmarck. Er ist ein Vollprofi und war noch nie bekannt für ein zu kleines Ego. "Ich neige jetzt nicht so zu Ängsten und Nervosität", weicht er im Interview aus. "Ich versuche eher die Unruhe, die man natürlich verspürt, in die Vorbereitung zu stecken und sicher zu stellen, dass ich wirklich möglichst alles gut im Blick und im Griff habe. Ich meine, wenn man jetzt als Regisseur nervös wäre, dann könnte man wahrscheinlich so ein Schiff gar nicht steuern."

Zugleich spielt er den Erwartungsdruck für seinen zweiten Film gekonnt herunter. "Man weiß ja nicht, ob ein Film ankommt. Irgendwie ist das dann auch ein bisschen Glückssache. Ich glaube, in diesem Fall helfen Angelina und Johnny meinem Glück ein bisschen nach, und zumindest stellen sie sicher, dass ich unter den besten Startbedingungen antrete. Aber, ob jetzt ein Film dem Publikum und den Zuschauern gefällt, dass hat man ja nicht in der Hand. Man hat in der Hand, ob man einen Film macht, zu dem man selber wirklich stehen kann."

Fingerübung mit hübscher Staffage

Zumindest in Hollywood ist Nervosität zu spüren. Sind die 100 Millionen Dollar gut investiert? Vielleicht ahnen die Studiobosse ja, dass dies nicht der große Wurf ist. Zuviel Glanz und Gloria, zu wenig Inhalt. Warum sonst werden Journalisten bei Interviews und Pressekonferenzen dauernd mit Verträgen und Klauseln behelligt und Filmausschnitte möglichst knapp gehalten, damit nur ja kein Kuss zu lange steht? Mag sein, der Film ist für Donnersmarck vor allem eine Fingerübung mit hübscher Staffage. Am Ende wünscht man sich von ihm doch wieder einen Film von der Art der Anderen.

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