Streit um einen Schatz

Die Türkei will die "Sphinx von Hattuscha" zurück

Lohnt es, um einen Schatz zu streiten, den man bestens aufteilen kann? Eine Frage, die man sich derzeit auf der Berliner Museumsinsel stellt. Dort schmücken die "Sphingen von Hattuscha" - 3000 Jahre alte Torwächter der Hauptstadt des Hethiter-Reiches - den Eingang der berühmten Prozessionsstraße: die eine ein Original mit abgeschlagener Nase, eine Gips-Kopie die andere, deren Original sich seit 1924 in Istanbul befindet.

Von deutschen Archäologen 1906 in Anatolien ausgegraben, später in Berlin restauriert, schien die Teilung des Zwillingspaares zwischen Deutschen und Türken ein salomonischer Ratschluss. Doch jetzt verlangt die Türkei die Rückgabe auch das zweiten Originals. Und die Rechtslage ist unklar.

Harsche nationalistische Töne

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, äußert sich dazu im Interview mit aspekte: "Bei diesem Stück ist die Rechtslage nicht ganz eindeutig. Es gibt Indizien dafür, dass sie rechtmäßig hier ist. Aber es ist so, dass im Krieg gerade der Archivbestand des Vorderasiatischen Museums große Verluste durch Brandeinwirkung zu verzeichnen hatte, und insofern können wir nicht jeden Schritt genau nachzeichnen." Der türkische Kulturminister Günay aber - ein wahrer Volkstribun - will sich mit Rechtsfragen nicht länger aufhalten. Er stellte den Deutschen jetzt ein Ultimatum: Entweder die "Sphinx von Hattuscha" werde bis Juni dieses Jahres an die Türkei ausgeliefert, oder man werde deutschen Archäologen die Grabungslizenz in Anatolien entziehen.

Harsche nationalistische Töne, die in Berlin für Verstimmung sorgen. "Ich bin in der Tat der Meinung, dass Kulturpolitik keine Kanonenbootpolitik ist, das heißt dass man jahrhundertelangen Partnern keine Ultimaten stellt", sagt Parzinger. "Wir werden uns auf keinen Fall auf Drohungen und Erpressungsversuche einlassen - das können wir nicht machen. Das wäre langfristig zum Nachteil der deutschen Archäologie, nicht nur in der Türkei."

"Polemische Äußerungen" aus der Türkei

Ausgerechnet in der Hethitermetropole Hattuscha - so drohte der türkische Kulturminister - könnten deutsche Grabungen jetzt unterbunden werden. Dabei waren es vor 100 Jahren deutsche Archäologen, die unter den Hügeln des türkischen Bogazköy die hethitische Hauptstadt ans Tageslicht brachten. Seitdem wurden Tausende Keilschrift-Tafeln entziffert, Sprache und Kultur, Götter und Gesetze der Hethiter wiederentdeckt. In über 70 Grabungskampagnen sorgte das Deutsche Archäologische Institut immer wieder für spektakuläre Funde.

Unzureichend - befand man jetzt erstaunlicherweise in Ankara. "Das ist wirklich eine polemische Äußerung, dass Deutsche Archäologische Institut hätte in Bogazköy/Hattuscha und auch an anderen Orten, etwa in Pergamon, schon lange nichts mehr restauriert", sagt Parzinger. "Es laufen mit großem finanziellen Aufwand Restaurierungsmaßnahmen. Wer heute nach Bogazköy kommt wird von weitem schon eine gigantische Lehmziegelmauer sehen, die mit Sponsorenmitteln in den letzten Jahren wiederaufgebaut wurde. Das gibt es sonst weltweit nirgends."

Kooperationen als Lösung?

Geht es den Türken wirklich um Archäologie? Oder darum, Deutschland dafür abzuwatschen, dass es den EU-Beitritt der Türkei ablehnt? Noch will in Berlin niemand glauben, dass die Türkei tatsächlich die archäologische Forschung blockiert, die alljährlich Tausende Kulturtouristen nach Anatolien bringt. Dennoch soll der gordische Knoten um die "Sphinx von Hattuscha" möglichst bald gelöst werden.

"Diese Lösung kann durchaus zum Ergebnis führen, dass man die Sphinx in die Türkei überführt, aber in einem Bündel von Kooperationen - ich möchte nicht sagen Gegenleistungen", sagt Parzinger. "Aber wir wollen schon, dass das als freiwillige und bedeutende Geste - wenn sie denn kommen würde - auch von der türkischen Seite gesehen wird." Gut möglich also, dass man sich auf der Museumsinsel bald von der "Sphinx von Hattuscha" verabschieden muss - aber vielleicht auch, dass man den Zwillings-Originalen hier einmal in einer türkischen Gastaustellung wieder begegnet.

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