"Tag des Abgangs"?

Stimmen zur Zukunft Ägyptens

Husni Mubarak - der "Vater der Nation" - eine abgewirtschaftete Spottfigur. So sehen ihn seine Landsleute seit langem. Jetzt könnte er als blutiger Tyrann enden. Dabei hatte er seinen Platz in den Geschichtsbüchern schon sicher. Wer war er - wer ist er heute?

Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient Berlin verweist auf die Verdienste des ägyptischen Präsidenten: "Mubarak ist an die Macht gekommen nach dem Tod von Anwar el-Sadat - in einer Situation, als Ägypten aus der arabischen Liga ausgeschlossen wurde wegen des Vertrages von Camp David. Mubarak hat Ägypten zurückgeführt in die arabische Welt, er hat dafür gesorgt, dass es nach dem Tod von Sadat nicht zum Chaos gekommen ist, er hat für die friedliche Umsetzung der Verträge von Camp David garantiert, er hat dem Land den Sinai zurückgebracht."

Mubarak am Scheideweg

Und heute, 2011? Sein Image als großer, weiser Staatsmann? Husni Mubarak hat es durch Repression und Korruption zerstört. Jetzt - so glauben viele - hat er sein Land in einen Bürgerkrieg gestürzt, statt in Würde abzudanken. Hanan Hammad, Historikerin an der Texas University sieht ihn am Scheideweg: "Das ist seine Taktik: Das Volk zu spalten, die Demonstranten einzuschüchtern und der Welt vorzugaukeln, er hätte hier noch eine Basis. Doch die Vorstellung ist einfach absurd, er könne mit einem solchen Regime einfach weitermachen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Weg des Massakers - oder die Demokratie kommt."


Der Westen scheint überrascht vom Sturm der Freiheit, der plötzlich über die arabische Welt fegt. Doch lautstark "Schluss jetzt, Mubarak!" zu sagen, wie die Demonstranten, das traut sich der Westen nicht. Denn was kommt danach: ein islamistisches Regime? Vielleicht so wie im Iran seinerzeit - 1979? Damals feierte der Westen die Revolution von Teheran - und wurde bitter enttäuscht. Der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi warnt vor dem Vergleich:

Die Menschen lechzen nach Freiheit

"Man kann nicht das Ägypten von heute mit dem Iran von 1979 vergleichen, glaube ich. Wir haben in der Zwischenzeit so vieles erlebt, die Welt hat soviel erlebt, die Blöcke sind zerfallen. Wir haben eigentlich eine Zeit, in der die Demokratie attraktiver ist als jemals zuvor. Die Menschen lechzen danach. Nach Ägypten kommen jedes Jahr Millionen von Touristen rein und wieder raus, bringen Informationen und ein Lebensgefühl mit, was 1979 im Iran gar nicht der Fall war."

Und Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient Berlin ergänzt: "Die Ägypter sind die allerersten, die wissen, was islamistischer Terror ist, denn bevor sich Al-Kaida nach außen gewandt hat, haben die dschihadistischen Gruppierungen hier Terror ausgeübt - gerade im Tourismusbereich. Die Ägypter erinnern sich an Attentate 1996/97 auf deutsche Touristen in Ägypten, und darunter leidet der ägyptische Durchschnittsbürger. Wenn jemand islamistischen Terror aus eigener Anschauung kennt, dann sind es die Ägypter."

Islamisten an die Macht?

Kein Zweifel: Auch Ägypten hat seine Fundamentalisten: die Muslimbruderschaft. Im Zentrum der Revolution - auf dem Tahrir-Platz von Kairo - treten die Muslimbrüder in dieser Woche bisher nur als Helfer für verletzte Demonstranten in Erscheinung. Sind sie aber vielleicht doch gefährlich? Sonja Hegasy: "Nein, die Muslimbrüder haben sich in den letzten 20 Jahren dafür entschieden, den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Und bei den vorletzten Parlamentswahlen, 2005, haben sie als unabhängige Kandidaten 88 Sitze bekommen, was 20 Prozent der Sitze sind. Die Vorstellung 'Da kommen jetzt die Islamisten an die Macht und dann waren das die letzten freien Wahlen' - das ist ein vollkommen westliches Hirngespinst."

Historikerin Hanan Hammad ergänzt: "Nehmen wir an, wir hätten morgen demokratische Wahlen in Ägypten: Natürlich gäbe es dann eine Parlamentsfraktion der Muslimbruderschaft. Aber sie hätten unter keinen Umständen eine Mehrheit, sie sind nicht so populär, wie man im Westen meint. Dass die Moslembrüder eine ernsthafte Gefahr bedeuten, behauptet das korrupte Mubarak-Regime nur, um sich im Westen als Bollwerk gegen den Islamismus zu verkaufen."

Weg zur Demokratie


"Tag der Millionen" nannte man in Kairo die Revolution, als sie noch ein friedliches Volksfest war. Als die Schlägertruppen des Regimes anrückten, wurde daraus der "Tag der Märtyrer". Der heutige Freitag - daran halten die Demonstranten trotz aller Kämpfe und Opfer fest - heißt der "Tag der Abgangs" des Präsidenten. Doch Mubarak will nicht weichen. Den Sturm der Freiheit in der islamischen Welt aber - davon sind die meisten überzeugt - wird er nicht aufhalten können:

Der Regisseur Samadi Ahadi: "Ich glaube, dass dieses Tempo, das die Veränderungen in der Region eingeschlagen haben, dass dieses Tempo einfach wahnsinnig schnell voran gehen wird. Wir werden noch schnellere Veränderungen sehen und erleben." Und Hanan Hammad blickt optimistisch voraus: "Im besten Fall haben wir in einigen Jahren demokratische Regimes in der ganzen Region. Regimes, die uns erlauben, frei zu sprechen, die saubere Wahlen ermöglichen, eine freie Presse und vollständige Informationsfreiheit. Und in denen deshalb der Radikalismus von allen Seiten ein Ende hat."

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