"Tango - Wehmut, die man Tanzen kann"

Horacio Salas' Buch über den Tanz der Einsamen

Eine Reise zu den Ursprüngen des Tangos - Comics, die einen fühlbaren Zugang zu der bewegten Welt des Tangos schaffen. Diese Kombination bietet das Buch "Tango - Wehmut, die man tanzen kann", geschrieben von Tangoexperte Horacio Salas, der im Nebenberuf auch Kultursenator von Buenos Aires und Direktor der Nationalbibliothek ist.

Sinnliche Tangoschritte
Sinnliche Tangoschritte

Tango ist mehr als ein Tanz. Er vereint Musik, Leidenschaft, Poesie und Philosophie und zieht seit mehr als hundert Jahren die Menschen in seinen Bann - weltweit. "Tango - Wehmut, die man tanzen kann" ist ein Buch zum Schmöckern, bestens für die U-Bahn geeignet und lässt nichts aus. Gedichte, Zitate und Philosophisches zum Mythos und zur Seele des Tangos. Die Illustrationen des Comic-Zeichners Lato bringen die komplexe Entstehungsgeschichte des wohl sinnlichsten aller Tänze auf den Punkt. Von den Anfängen, Ende des 19. Jahrhunderts am Rio de la Plata, bis heute: Seit 2009 zählt der Tango zum UNESCO Weltkulturerbe.

Tanz der einsamen Einwanderer

"Was ist eigentlich Tango", fragt die junge Gringa (Amerikanerin) den Tangoexperten zu Beginn des Buches. Er antwortet: "Pass auf, ich erzähl dir wie es wirklich war. Dann hast du in New York etwas zu erzählen", und er beginnt mit der Geschichte am Geburtsort des Tangos, in der Region Rio de Plata am Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist die Zeit, in der Einwanderungsströme Argentinien erreichen. Durch die Mischung der Immigranten die aus Italien, Spanien, Polen, Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern entsteht in den Vorstädten von Buenos Aires eine neue Kultur. Die Verschmelzung der verschiedenen Nationalitäten, der vielen Träume und Hoffnungen der Einwanderer findet sich im Tango wieder. In ihm mischen sich zunächst Rhythmen der kubanischen Habanera, der afrikanischen Milonga und die Verse des madrilenischen Couplets.

Tango und Markt - ein Sonntag in San Telmo, Buenos Aires

Auch der Tanz hat seinen Ursprung in diesem Multikultimillieu. Viele der Immigranten reisen ohne Familien an. Das Bordell wird schnell zum Treffpunkt der Einsamen. Hier spielen die ersten Trios auf Flöte, Geige und Gitarre ihre melancholischen Lieder. Dazu tanzt man als Paar. Allmählich verdrängt das Bandoneon, das einer Zieharmonika ähnelt, die Flöte aus der Musik des Tangos. Der tiefe, klagende Ton des Instrumentes passt besser zu der allgegenwärtigen Sehnsucht und der Trauer über die Entwurzelung der Einwanderer. Die Texte beschreiben die Wirklichkeit. Sie erzählen von Lokalstolz der "Porteños", wie sich die Bewohner von Buenos Aires nennen, von Tänzerinnen, Liebe und Sehnsucht.

Modetanz in der "Alten Welt"

Noch ist Tango in den gehobenen Gesellschaftsschichten tabu. Die bürgerlichen Kreise beäugen den anrüchigen Tanz mit Misstrauen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg aber gelingt dem Tango der Sprung über den Atlantik - in die Cafés und Bars von Paris. Dort avanciert er zu einem erfolgreichen Modetanz. Einige Orchester vom Río de la Plata können hier, in der "Alten Welt", ihre ersten Erfolge feiern. Die Tangomusiker bis 1917 nennt man die "Guardia Vieja", die "alte Garde". Sie haben noch keine akademische Ausbildung und improvisieren größtenteils.

Durch die Popularität des Tangos in Paris, wird er in den zwanziger Jahren auch von der Oberschicht der argentinischen und uruguayischen Gesellschaft akzeptiert - es entwickelte sich der "Tango de Salon". Eine gesittete Variante, die die "unanständigen Tanzfiguren" ausspart. Man tanzt langsamer. Der Rhythmus ist schleppender.

Tangolegende Carlos Gardel

Eine neue Generation von Musikern, die "Guardia Nueva", "die neue Garde", wächst heran. Fast alle haben an Musikakademien studiert. Das Publikum wird anspruchsvoller. Es entstehen Dutzende Orchester. Sie spielen in den Cafés der Innenstadt, im Radio oder im Tanzlokal. Jede Woche kommen neue Platten auf den Markt. Und: Der Jazz nimmt zunehmend Einfluss auf den Tango. Die Tanzveranstaltungen werden immer größer, und um den akustischen Anforderungen der Tanzsäle zu genügen, werden auch die Tangoensembles immer größer. Die Tangolieder schreiben nun Dichter wie José Gonzalez Castillo oder Celendonio Flores.

Auch die Tangolegende Carlos Gardel wird zu jener Zeit berühmt. Er tritt 1917 zum ersten Mal auf, wird schnell bekannt und verehrt. Er spiegelt einen kollektiven Traum wieder, denn er verkörpert alles, was man sich zu dieser Zeit wünscht: Gutes Aussehen, Erfolg bei Frauen, Reichtum und Großzügigkeit. Ein junges Land wie Argentinien schafft sich seine Idole. Man nennt ihn "den kleinen Franzosen". Seine Herkunft bleibt sein Leben lang ein Mysterium (geboren 1890 Toulouse, nach anderen Angaben 1887 in Uruguay, gestorben 1935 in Kolumbien). 1925 reist er nach Spanien und Frankreich, erobert Paris und erfüllt sich damit seinen persönlichen - einen argentinischen -Traum. Er nimmt seine ersten Schallplatten auf und wird ab 1930 sogar zum Star auf der großen Leinwand. Er stirbt 1935 bei einem Flugzeugabsturz in Kolumbien.

Tango im Exil

Carlos Gardel wird zu einem wichtigen Bestandteil von Argentiniens kulturellem Erbe. Der seit sechzig Jahre Verstorbene ist heute fast populärer als zu Lebzeiten. Die 1930er und 1940er Jahre gehören zu der Blütezeit des Tangos. In Argentinien herrscht eine breite Mittelschicht, die nostalgisch auf die Vergangeneheit blickt und nationalistisch gesinnt ist. Dieses Publikum bevorzugt den romantischen Tango. Diese Dekade bringt eine Vielzahl von Dichtern, wie zum Beispiel Homero Expósito, hervor, die den wehmütigen Ton des Tangos durch avantgardistische Metapher ergänzen.

In den 1970er Jahren werden die Südamerikaner von brutalen Militärputschen heimgesucht, beginnend 1973 in Uruguay und Chile, dann 1976 in Argentinien. In dieser Zeit fliehen viele Künstler nach Europa - ins Exil, um der Folter und dem Tod zu entgehen. Unter ihnen die berühmten Schriftsteller Victoria Ocampo und Julio Cortazar. In Paris schaffen sich die Geflohenen 1981 ihre Bühne: Das Tanzlokal "Trottoirs de Buenos Aires". Von hier aus erobert der Tango ein zweites Mal Europa. Dies sind auch die bedeutendsten Jahre der lateinamerikanischen Literatur. Es ist die Zeit, in der Tango und die Intellektuellen sich endgültig vereinen und von nun an unzertrennlich sind.

Anleitung zum Tanz

Der erfolgreiche Poet Horacio Ferrer gründet in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die nationale Tangoakademie. Überall in Spanien, Frankreich, den USA und sogar in Japan werden Tangoschulen eröffnet. In wenigen Jahren werden zahlreiche Nachschlagwerke, historische Abhandlungen zum Thema Tango veröffentlicht. Verschiedene Institute werden gegründet an denen man Tango studieren kann.

Tango ist mehr als nur ein Tanz, wie gesagt. Er hat eine lange Geschichte und ist zum Wahrzeichen Argentiniens geworden. Es ist ein ernster Tanz, der höchste Konzentration erfordert. Wer den Tangokurs scheut, kann auch erst mal den minimalistischen Strichanordnungen für die Grundschritte des Tangos im Buch folgen. Ein erster Tanz müsste so gelingen. Die Kombination von Horacio Salas Erklärungen und Latos Bildern schafft einen spielerischen Zugang zur Geschichte des Tangos, weshalb das Buch vor allem für jüngere Leser zu empfehlen ist. Manch einer könnte zwischen Bild und Text auch mal den Überblick verlieren, aber eine nette Anleitung ist es allemal.

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