Test - "Unsere Götter entstanden aus Unwissen"

Salman Rushdie im Gespräch über Religion und sein Buch "Luka und das Lebensfeuer"

1989. Ayatollah Khomenie verhängt das Todesurteil gegen Salman Rushdie und setzt ein Millionenkopfgeld aus. Man kann ihn mit dem Tod bedrohen, doch nicht am Schreiben und Publizieren hindern. Der weltweite Hass auf Rushdie kostet zahlreichen Menschen das Leben. Rushdie überlebt und fühlt sich heute sicher, wie er im Gespräch mit aspekte sagt.

Von der Queen geadelt, hat er den literarischen Kampf gegen die Aggressivität der Religion wieder aufgenommen. Die Bedrohung steigerte seine eigene Lebensgier. Vier Mal war er verheiratet, vier Mal ist er geschieden, zuletzt vom indischen Model Padma Lakshmi.

Götter wandern in die Welt der Magie

Was kommt für Sie nach dem Tod, frage ich ihn. "Nichts, ich hatte nie das Gefühl, dass da etwas sein könnte", sagt Rushdie. "Menschen, die glauben, der Lohn des Lebens komme erst nach dem Tod, schätzen das Leben weniger als sie sollten. Es gibt nur einen Versuch, wir haben eine Chance - und das war es. Wenn man so über das Leben denkt, sieht man den Wert jedes einzelnen Tages." Auch Selbstmordattentäter glauben ans Paradies, wende ich ein. "Ich weiß", entgegenet er. "Das ist meine Nachricht an sie: sie irren."

In Rushdies Buch gibt es viele tote Götter. Sind nur tote Götter gute Götter? "Ich interessiere mich sehr für tote Religionen. Tote Religionen nennen wir üblicherweise Mythologien." Oder Literatur, sage ich. "Aber es waren einmal lebendige Religionen", sagt Rushdie, "die nordischen Götter waren einmal die Götter Nordeuropas, eine Religion, die griechischen Götter waren die Religion Griechenlands. Es muss traurig sein, ein früher allmächtiger Gott zu sein, der abgesetzt ist. Was tun solche Götter auf dem Abfallhaufen der Geschichte? Sie wandern in die Welt der Magie. Im Herzen der Welt der Vorstellung, der Magie sind all diese Exgötter reduziert zu Geschichten."

Ein Junge, der den Göttern trotzt

Glaubt er, dass auch einmal eine Götterdämmerung für Allah und die anderen monotheistischen Religionen kommen wird? "Der Glaube wuchs, weil wir die Welt nicht verstanden", meint Rushdie. "Wir wussten nicht, woher wir kamen, woher die Welt kam und wir brauchten Antworten auf solche Fragen. Die Erschaffung des Himmels, die Götter entstanden aus unserem Unwissen. Und zweitens suchte der Mensch moralische Regeln und die Religion formte sie. Ich denke aber: Seit der Mensch mehr darüber zu wissen begann, weshalb es ihn gibt und wer er ist, können wir den Schöpfergott zur Seite legen wie Kinder ihre Spielsachen.

Für seinen 50 Jahre jüngeren Sohn Milan hat Rushdie das neue Buch geschrieben. Ein Junge, der den Göttern trotzt, ist der Held der Geschichte. Um den alten Vater zu retten holt er auf einer abenteuerlichen Reise das Feuer des Lebens aus dem Land der Magie. "Luka und das Lebensfeuer".

"Wir sollten nicht besorgt sein" Die Revolution in der islamischen Welt sieht Rushdie als große Chance: "Es könnte ein außerordentlicher historischer Moment sein, in dem die muslimische Welt sich von den Islamisten ab- und der Demokratie zuwendet. Wer macht denn die Revolution? Es sind nicht die Radikalen. Von Al Qaida ist absolut nichts zu hören.

Wir sollten nicht besorgt sein.

Es gibt verrückte politische Elemente in fast allen Ländern. Wir können nicht sagen, dass wir an die Freiheit glauben und dann die Freiheit ablehnen, wenn die Menschen sie sich nehmen. Und selbst im schlimmsten Fall, wenn die Moslembruderschaft in Ägypten die Macht bekommen würde, müssen wir damit klarkommen. Wir können nicht verlangen, dass Israel die einzige freie Gesellschaft im Mittleren Osten ist und alle anderen Länder einen freundlichen Diktator brauchen. Das wäre nicht akzeptabel. Wir müssen darauf vertrauen, dass es sich um eine echte Revolution handelt. Und jeder, der an Freiheit glaubt, sollte sie unterstützen."

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