The Forgiveness of Blood

Reise nach Albanien - in eine fremde und doch nahe Welt

Ein Film über Blutrache in Albanien? Wem das zu abseitig erscheinen mag, wird nach diesem besonderen Film anders denken. Der amerikanische Regisseur Joshua Marston gewann 2004 auf der Berlinale mit seiner wunderbaren "Maria voll der Gnaden" den Preis für den besten Erstlingsfilm, und auch seine jüngste Arbeit besticht durch seine präzise, fast dokumentarische Beobachtungsgabe.

In einer Bergregion im Norden Albaniens lernen wir Nik (Tristan Halilaj) und seine Familie kennen. Nik ist 17 und im letzten Schuljahr. Er träumt davon, im Städtchen ein Internetcafé zu eröffnen, er ist in das schönste Mädchen der Klasse verliebt und kurvt gern mit seinem Freund auf dem Mofa herum.

Stolz, Ehre und Ansehen

Das Leben der Familie ändert sich radikal, als bei einem Wegerechts-Streit ein Nachbar erstochen wird. Ob Niks Vater und sein Onkel ihn tatsächlich ermordet haben, ob es Notwehr war oder ein tragischer Unfall - das erfährt der Zuschauer nicht und es spielt auch kaum eine Rolle. Denn die Familie des Toten darf nun Blutrache an Niks Vater und allen männlichen Mitgliedern der Familie üben.

Es geht um Stolz, Ehre und Ansehen. Der Vater flieht in die Berge, Nik und sein kleiner Bruder können das Haus nicht mehr verlassen, sonst würde man sie töten. Da der Vater als Ernährer ausgefallen ist und die Mutter arbeiten geht, muss nun Rudina, Niks Schwester (Sindi Laçej) Tag für Tag mit dem Pferdekarren Brot verkaufen. Sie leistet Männerarbeit in einer patriarchalischen Gesellschaft und blüht auf dabei. Sie handelt geschickt und wird zunehmend selbständiger. Nik dagegen wird durch die Isolation von seinen Freunden immer gelangweilter, frustrierter und zorniger.

Auswirkungen des "Kanun"

Er steckt fest zwischen Kindheit und Erwachsensein: er ist zwar alt genug, um getötet zu werden, aber zu jung, um ein Mitspracherecht in Familie und Ältestenrat zu haben. Nik ist ein Kind des modernen Handy-, Satellitenfernseh- und Computerzeitalters und gleichzeitig ein Gefangener einer jahrhundertealten Tradition. Um dieser Falle zu entfliehen, entschließt er sich zu einem mutigen Schritt, der tödlich ausgehen kann.

Für seine Geschichte um die Auswirkungen des "Kanun", einem Gewohnheitsrecht aus dem 15. Jahrhundert, hat Marston mit seinem Ko-Drehbuchautor lange in Albanien recherchiert und mit hunderten Betroffenen gesprochen. Der Kanun war unter der 40-jährigen stalinistischen Diktatur verboten und nahezu verschwunden, lebte aber im Vakuum nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1992 wieder auf. Seit damals wurden 9500 Männer in Blutfehden umgebracht, etwa haben 20.000 den rigiden, oft jahrelangen Hausarrest erlebt. Für Albanien, das zweitärmste Land Europas, ein enormes Hindernis auf dem Weg zur Modernisierung, denn die Männer arbeiten nicht mehr, die Jungen gehen nicht mehr zur Schule. In manchen Fällen dauerte dieser Isolationszustand 15 Jahre an.

Tolle Laiendarsteller

Die Laiendarsteller sind allesamt hervorragend. Um sie zu finden, hat Marston in 50 Schulen Teenager gecastet. Besonders das Geschwisterpaar agiert so natürlich und überzeugend, als ließen sie den Zuschauer am realen Leben teilhaben. Der Film kommt ganz ohne Blut und Gewalt aus - und wirkt damit umso eindringlicher. "The Forgiveness of Blood" ist eine Reise in eine fremde und uns doch nahe Welt. Joshua Marstons Film spielt in Albanien und ist doch universell, weil er von einer Gesellschaft im Wandel zwischen Tradition und Moderne erzählt. Maston doziert und belehrt nicht, er zeigt in ruhigen Bildern und bisweilen hitzigen Dialogen, was die Blutrache in einer Familie anrichtet - das ist berührend und sehr sehenswert.

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