The Turin Horse

Ein sehr spezieller ungarischer Film mit Sogkraft

Schwarzbild. Eine Stimme spricht ungarisch. Englische Untertitel beschreiben eine Anekdote aus dem Jahre 1889, es geht um Nietzsche - der einem misshandelten Pferd um den Hals fällt und dann seinen Verstand verliert. Und dann dreht sich alles um ein Pferd und einen Kutscher. Was nach dem absoluten Klischee eines Cineasten-Kunstfilms klingt, ist tatsächlich der Beginn einer überraschenden Kino-Erfahrung auf der Berlinale.

Allerdings hätte der ungarische Beitrag "The Turin Horse" von Béla Tar vielleicht weniger in den Wettbewerb als in die Sektion "Forum Expanded" gehört, bei dem die Räume zwischen Kunst und Film ausgelotet werden. Zweieinhalb Stunden führt der Regisseur Béla Tar den Zuschauer gleich in zwei unterschiedliche Welten.

Düster und suggestiv

Zum Einen spielt "The Turin Horse" vor über 120 Jahren auf dem Land, wo, ist nicht erkennbar - zum Anderen widersetzt er sich der üblichen Kamera- und Schnitt-Technik. Die Bilder wirken wie alte Gemälde in Schwarz-Weiß, die Kamera ist ruhig, aber immer nah am Geschehen, es gibt kaum Schnitte. Wie eine Hommage an Ingmar Bergmann, der die Plansequenz liebte, mutet der Stil sogar manchmal an. Von Bergmann mag Tar auch Inspiration für den Blick auf die Schauspieler seines Films haben, die Art, wie die Kamera sie nah betrachtet, wie Porträts oder Studien von Skulpturen.

Die Geschichte ist so düster wie die suggestive Schwarz-Weiß-Ästhetik. Der Kutscher (János Derzsi) kehrt mit seinem Pferd nach Hause zurück. Ein einfacher Stall aus Stein, ein angrenzender einfacher Raum mit Ofen, Tisch und Bett. Seine Tochter (Erika Bók) erwartet ihn, bringt das Pferd in den Stall, hilft dem Vater beim Umkleiden, kocht zwei Kartoffeln. Worte fallen keine. Abends stellt der Vater knapp fest, dass man die Holzwürmer nicht mehr hören kann. Draußen zieht ein Sturm auf. In den folgenden sechs Tagen bleibt die Kamera kontemplativ bei den beiden Figuren, zeigt, wie sie ihren kargen und monotonen Alltag bewältigen. Anziehen, Wasser holen, Feuer machen, Essen, das Pferd versorgen.

Reale Rhythmen des Lebens

Im Laufe des Films verdichten sich die Hinweise auf ein nahendes Unglück. Der Nachbar kommt vorbei, hält einen Monolog über Sieger und Verlierer, der Sturm wird stärker, der Brunnen versiegt. Das Pferd frisst nicht mehr ... "The Turin Horse" scheint in jeder Hinsicht aus der Zeit gefallen, und ist auch deshalb eine seltsame Ausnahme dieser Berlinale. Tar schafft es, die realen Rhythmen des Lebens wieder auf die Leinwand zu bringen.

Es dauert einige Zeit, bis man sich als Zuschauer der Ungeduld entledigt, seinen Film sehen zu wollen wie herkömmliches Kino. Doch "The Turin Horse" entwickelt einen Sog und eine Kraft, die dem Zuschauer am Ende das Gefühl geben, mehr als einen Film gesehen zu haben: Sie haben eine Erfahrung gemacht. Ein sehr eigener spezieller Film - absolut sehenswert.

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