Tod in der Wohlstandsenklave

Die "feine Gesellschaft" Argentiniens und die Krise

Claudia Piñeiro ist zurzeit die wohl bekannteste Schriftstellerin Argentiniens. Ihr Buch "Die Donnerstagwitwen" zeichnet ein kritisch-ironisches Bild der elitären Gesellschaft Argentiniens, die sich in den 90ern am Wirtschaftsboom bereichert hat. aspekte hat Claudia Piñeiro in Buenos Aires getroffen.

Claudia Piñeiro führt durch das bewachte Villenviertel Highland Park, in dem sie auch selbst wohnt. "Hier kann man Fußball und Golf spielen, es gibt einen Jugendclub, ein Restaurant, einen Supermarkt und da hinten sind die Tennisplätze", erklärt sie. 2800 Menschen leben dort, mehr als 700 Villen wurden gebaut. Man sieht den Luxus, aber auch die Spuren des Finanzdebakels von 2001: halbfertige Häuser, bis heute nicht verkauft.

Töten für Statussymbole?

Piñeiros aktueller Roman spielt in so einem "barrio cerrado", einem bewachten Wohnviertel. Die "Donnerstagswitwen" heißt er, wurde bereits verfilmt und erhielt einen der bekanntesten Literaturpreise Argentiniens. Es ist eine bissige Gesellschaftsstudie der 90er Jahre. Als 2001 die argentinische Wirtschaft zusammenbricht, verlieren die, die schnell viel Geld gemacht haben, alles, über das sie sich bisher definierten: ihr Haus, das Auto, Privilegien. Ihre Welt bricht zusammen. Das passiert auch den Protagonisten in Piñeiros Roman: "Diese Leute, die glauben, das zu sein, was sie haben, wollte ich einer Extremsituation aussetzen. Wie weit werden sie wohl gehen. Zu was sind sie fähig, um ihre Statussymbole zu behalten"

Die Geschichte ist eine Mischung aus Gesellschaftsroman und Krimi. Piñeiro durchleuchtet die Psyche der Neureichen Argentiniens, zeigt die Abgründe hinter der Idylle. "Um das Verbrechen in meinem Buch zu erklären, musste ich die gesellschaftlichen Umstände beschreiben, die zu dem Tod meiner Protagonisten führten", erklärt sie. Es ist die Zeit der Währungsbindung an den Dollar - vorbei die jahrzehntelange Inflation. Die Argentinier erleben einen nie da gewesenen Aufschwung. Alles scheint möglich. Es ist wie ein Rausch. Doch die Kaufkraft, derer sie sich so sicher sind, ist künstlich geschaffen.

"Wir kauften drauflos"

"Wir dachten damals wirklich, dass ein Peso so viel wert sei wie ein Dollar und kauften drauf los. Wir glaubten uns reich, ahnten nichts von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen", erzählt Piñeiro. "Die 90er Jahre sind vom Liberalismus geprägt. Der Staat zieht sich zurück und überlässt den Privaten Aufgaben, die eigentlich von ihm übernommen oder zumindest überwacht werden müssten. Private übernehmen Bereiche der Bildung, der Gesundheit - und eben der Sicherheit. Die Leute sperrten sich in Vierteln wie diesem ein und glaubten sich damit sicher." Selbst der Tod ist in Highland Park längst privatisiert: Ein Platz auf dem Friedhof ist kaum erschwinglich.


Die abgeschirmten Wohlstandsenklaven sind Clubs - und die suchen sich ihre Mitglieder aus. In Argentinien lebt die größte jüdische Gemeinde ganz Lateinamerikas. Willkommen sind die Juden keineswegs überall, weiß Piñeiro: "Niemand wird Dir offen sagen, dass in dieser oder jener Gemeinde Juden verboten sind. Aber es gibt viele bewachte Viertel, in denen Du nicht einen einzigen Juden auf der Mitgliederliste findest. Ich habe Freundinnen, deren nicht-jüdischen Männern Häuser angeboten bekommen und sobald der jüdische Name der Frau auftaucht, beginnen die Probleme. Dann steht das Haus plötzlich nicht mehr zum Verkauf."

Es endete desaströs

Auftragsmorde, Bestechungen, Suizide - die großen Skandale der 90er Jahre erwähnt Piñeiro lakonisch, fast beiläufig. "Im Grunde wussten wir alle von der politischen Korruption - und hätten alarmiert sein müssen. Wir hätten wissen können, wie desaströs alles enden würde. Aber damals wollten wir davon nichts merken, weil es uns doch gut ging. So ist es auch mit den Figuren in meinem Buch. Da es ihnen nicht ans Geld geht, kriegen sie nichts mit." Und das will was heißen. Buenos Aires ist bestimmt von Demonstrationen und Debatten, gerade heute.

Piñeiro gefällt die neue Politisierung der Gesellschaft: "2001 glaubte keiner mehr an Politik oder Menschenrechte, selbst an der Zivilgemeinschaft zweifelte man, damals forderten alle, die Politiker sollten verschwinden. Dass sich die Gesellschaft jetzt so gewandelt hat, dass man täglich alles politisiert und sich über alles streitet, erscheint mir nur interessant - ich denke, dass wir mit der Zeit zu einer zivileren Streitkultur finden werden." Das wäre eigentlich schade. Wer die lebendige argentinische Art zu streiten kennengelernt hat, wartet gerne auf eine zivilere Streitkultur.

Argentinien noch in den Kinderschuhen

"Unser Land ist gerade 200 Jahre alt, das ist doch nichts, vier Mal mein Leben, Argentinien ist jung", betont Piñeiro. "Wir kommen ja gerade mal aus dem Kindergarten. Darum können wir nicht dauernd so tun, als wären wir zivilisiert und europäisch, wie wir es gerne wären." Die "Donnerstagswitwen" ist ein hintergründiges, ironisches und eine Spur böses Sittengemälde Argentiniens in den sorglosen Jahren des Wirtschaftsbooms - und viel besser, als das Buchcover vermuten lässt.

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