Trash meets Opera

Die Uraufführung von "Anna Nicole" am Royal Opera House in London

Ihr Leben lang füllte sie die Klatschpresse. Anna Nicole Smith, Sexsymbol, Männertraum, Trash-Ikone. Gestorben 2007 an einem Medikamentencocktail. Skandale, Affären, prall, tragisch und immer im Rampenlicht. Ihr Leben könnte auch erfunden sein. In London wird das Supermodel zur Opernheldin - am berühmten Königlichen Opernhaus Covent Garden.

"Wir müssen was tun, offener sein, denn natürlich ist die Oper eine Art Museum", sagt Dirigent Antonio Pappano. "Wir machen hunderte Stücke immer wieder. Ich bin fasziniert von diesem Stück, aber wir müssen weiter." Immer weiter, Richtung Boulevard? Oper o h n e Anspruch? Doch dieses Stück macht selbst ein Playmate zur tragischen Heldin. Dazu braucht man eben große Sängerdarsteller wie die Holländerin Eva-Maria Westbroek. Sie gibt dieser Figur die notwendige Tiefe.

"Anna - ein Society-Kommentar"

"Ich liebe Themen, die von anderen links liegen gelassen werden", so die andere Hälfte des Komponistenteams, Thomas Richards. "Viele Leute, fällen sofort ihr Urteil. Meist ein Vorurteil. Sie sagen: Wie kann ausgerechnet Anna Nicole Smith eine Opern-Figur sein? Ist sie das wirklich wert? Ich finde, sie ist es a b s o l u t!" "Sie hat einfach alles", sagt Mark-Anthony Turnage, Komponist der Oper. "Ihr Leben hatte so viele Facetten. Und es gibt vor allem diese Tragik in ihrer furchtbaren Geschichte. Weil eben nichts erfunden ist. Ihre Tochter lebt ja noch. Das war ziemlich hart für mich. Das hat eine Tiefe, die viele andere Geschichten nicht haben. Und gleichzeitig gibt es auch komische Momente. Das war eine Herausforderung wie bei keinem Stück zuvor."

Anna Nicole ist erst Kellnerin, dann Stripperin, mit 17 bekommt sie das erste Kind. Dann heiratet sie den 63 Jahre älteren Ölmilliardär Howard Marshall. Nach 14 Monaten stirbt der Greis. Anna Nicole kämpft um das Millionenerbe- verliert ihren drogensüchtigen Sohn. Vorgeführt von den Medien, angetrieben von dem Anwalt Howard Stern, ihrem späteren Ehemann, der sie medikamentensüchtig machte und sie skrupellos bis zu ihrem Tod vermarktet. Dirigent Pappano meint :"Diese Anna Nicole, was ist das? Sie ist ein Kommentar über unsere Society und ich denke, das ist wichtig für Oper generell, dass ein Attachement, eine Beziehung zwischen Publikum und Protagonisten da ist."

Spagat zwischen Kunst und Kommerz

Und "Anna Nicole" fügt sich in eine große Operntradition. Ob in "La Traviata", "Manon" oder "Lulu" sind "Femmes fatales" gefallene Frauen, auf Irrwegen, jenseits von Konvention und Moral. Diese Geschichte ist aber auch noch aktuell. Und die Musik steht ihr in nichts nach. Ein Mix aus Atonalem, Romantischem, Jazz und Pop. Im Orchester spielt der Gitarrist von Led Zeppelin mit, John Paul Jones. "Ich glaube, junge Leute wissen nicht, was die Oper alles bietet", sagt Paul. "Die Musik ist aufregend, amüsant, hat Seele, ist einfach extrem mitreißend. Aber man muss hinhören. Das ist nicht unanstrengend. Genauso muss man sich auch mit einem Buch auseinandersetzen"

Wie Marylin Monroe wollte Anna Nicole immer sein- aber ohne deren Talent zu besitzen. Sie war nur ein Abklatsch. Auf der Opernbühne darf sie mehr sein: eine große Charakterfigur. Sonst wird die Westbroek als Isolde in Bayreuth gefeiert. Hier sind es die Stars der klassischen Oper, die den Spagat zwischen großer Kunst und Kommerz schaffen. Denn nicht nur Sex und pralle Silikonbrüste, sondern echte Liebe, Tragik, Trauer braucht die Oper. Gestern die Premiere ein Paukenschlag - ein rauschender Erfolg. Denn dort, wo sich die Oper auf die Seelentiefe ihrer Heldin einlässt, mehr bietet als vulgären Boulevard - da ist sie ein Gewinn.

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