Traumschiff der Arbeiterklasse

Die Geschichte der DDR-Kreuzfahrt

Von Warnemünde nach Piräus auf dem Sonnendeck: Der mondäne Luxus eines Kreuzfahrtschiffes - im real existierenden Sozialismus. Drei große Urlauberschiffe fuhren dreißig Jahre unter DDR-Flagge durch die Weltmeere.

1986 ist die "MS Arkona" auf dem Weg nach Kuba - drei Jahre zuvor war sie als ZDF-Traumschiff noch Fernweh-Fantasie für Millionen. Dann fuhr sie unter der Flagge der Deutschen Demokratischen Republik. Das dritte Urlauberschiff der DDR sollte das letzte bleiben - über drei Jahrzehnte hatte die DDR mit Müh und Not ihr Kreuzfahrtprogramm aufrecht erhalten. Nur wenige kamen in den Genuss einer solchen Reise.

"So groß ist die Welt"

Sieben Jahre hat Elisabeth Ladwig gewartet, jedes Jahr einen neuen Antrag in ihrem Betrieb gestellt. Ende der 70er war es dann soweit: Sie durfte mit der "MS Völkerfreundschaft", dem Arkona-Vorgängerschiff, nach Kuba. "Es war ein Traum, trotz allem was man so hinnehmen musste, zu sehen, so groß ist die Welt", erinnert sie sich. "Das war ein Gefühl: wahnsinnig schön." An Bord gab es Steak Nelson und Cocosparfait oder Cocktails auf dem Sonnendeck. Schwimmende Luxushotels auf den Meeren der Welt - unter der Flagge eines heruntergewirtschafteten Landes, das kein normaler Bürger frei verlassen durfte.

In seiner umfassenden Studie sucht der Historiker Andreas Stirn eine Erklärung für ein auf den ersten Blick absurdes Kapitel DDR-Geschichte. "Das ist natürlich zu einer Zeit entstanden, als der Staat noch eine ganz andere Perspektive hatte. Man muss von 1989, vom Ende, noch mal zurückswitchen auf 1953 oder 1955, und stellt fest: Dieser Staat hatte damals noch eine andere Perspektive: dass er sich tatsächlich zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten im deutsch-deutschen Widerstreit entwickeln würde. Natürlich hat er eine Zukunft geplant, die eine Verbesserung der Gegenwart darstellen sollte, in der alles besser sein würde - und da war diese Idee gar nicht so abwegig."

Schwimmende Propaganda

Die erste Idee für die Urlauberschiffe entstand nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 - Gewerkschaft und SED-Führung wollten künftig fleißige Arbeiter mit Reisen belohnen, im Ausland demonstrieren, wie überlegen und fortschrittlich die DDR ist. In der staatseigenen Werft sollte gleich das modernste Passagierschiff der Welt entstehen, finanziert durch Spenden der Bevölkerung. Die DDR kaufte zusätzlich ein Schiff von Schweden und besaß damit das größte reine Kreuzfahrtschiff seiner Zeit. Die "Völkerfreundschaft" und die "Fritz Heckert" fuhren zunächst über Skandinavien, das Schwarze Meer, über Griechenland bis Afrika. Schwimmende Propaganda.

"Selbst wenn es am Anfang nur zwei Schiffe waren, dann war vor dem Mauerbau immer das Versprechen damit verbunden, dass noch viele dazu kommen", so Stirn, "als Vorgeschmack auf die Zukunft: 'Das was ihr hier seht, ist das erste und ihr seid Teil des Ganzen, ihr könnt jetzt beginnen, mit uns in diese Wohlstandsgesellschaft aufzubrechen.' Das war wie in der Bundesrepublik - derselbe Slogan, Wohlstand für alle, nur in der DDR nicht so individualistisch gedacht, sondern eher kollektiv: Wir alle bauen an diesem Schiff mit." Doch es kam anders. Mit dem Mauerbau hätte die DDR logischerweise auch ihr Projekt Traumschiff ad acta legen müssen - wohin sollten die Schiffe jetzt fahren? Die Welt war ja noch nicht sozialistisch.

Die Stasi ging mit auf große Fahrt

Doch die Schiffe abschaffen wäre ein Eingeständnis des Scheiterns gewesen. 1962 kamen bei einem Landgang in Marokko 26 Passagiere und Besatzungsmitglieder nicht zurück. Das kapitalistische Ausland wurde fortan gemieden und die Stasi ging mit auf große Fahrt. In zwei Wochen nach Kuba hieß: zwei Wochen auf hoher See. "Wir sind nur gefahren", erinnert sich Elisabeth Ladwig. "Wir haben nirgendwo angelegt - damit niemand verloren geht."

Lutz Grävinghoff hat 1965 wohl die kürzeste Zeit jemals auf einer Kreuzfahrt verbracht: Zwei Stunden nach dem Auslaufen in Warnemünde sprang der damals 26jährige Arzt bei Fehmarn in die Ostsee. Sein Bruder in Kiel hatte ein Boot organisiert. Doch andere waren auch zur Stelle - kein Zufall im Kalten Krieg. Lutz Grävinghoff erzählt: "Da waren drei Schnellboote, von der Bundesmarine, vom Grenzschutz und von der Polizei - und ein Hubschrauber! Als ich ins Wasser sprang und mich umdrehte, lag das Schnellboot schon zwischen mir und dem Schiff und über mir kreiste der Hubschrauber, um mich zu markieren, damit die mich finden konnten. Ich glaube, ich war nur fünf Minuten im Wasser, das kam mir sehr kurz vor."

"Bonzenschaukeln"

Doch die DDR Traumschifffahrt hatte noch größere Probleme als die insgesamt 233 Flüchtlinge. Der Betrieb der Schiffe verschlang Millionensubventionen und war unrentabel. Im Winter, wenn kein DDR-Bürger unter Deck nach Leningrad fahren mochte, begann man pragmatisch, die Schiffe an den Westen zu verchartern. So fuhr die ostdeutsche Besatzung später sogar Bundesbürger in die Ferne. Das hieß: noch weniger Plätze für Arbeiter - die oft genug selbst bei DDR-Reisen nicht einmal die Hälfte der Passagiere stellten. Im Volksmund hießen die Schiffe längst "Bonzenschaukeln".

Das Projekt war in jeder Hinsicht gescheitert - dennoch beschloss die SED-Führung,1985 noch, die "Arkona" zu kaufen. "Man konnte sich eben nicht verabschieden", sagt Andreas Stirn. "Man hätte sagen müssen, wir schließen mit unseren Vorstellungen von der Zukunft, mit unseren Träumen ab und werden jetzt realistisch. Aber realistisch werden hieße: Die haben uns nicht gewählt, die mögen uns nicht, wir haben Angst vor denen - was soll das eigentlich alles."

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