Tricks und Ton in Farbe

Ungehobene Schätze aus der Urzeit des Kinos

"Als die Bilder laufen lernten" - so werden gern die Anfangsjahre des Kinos beschrieben. Doch kaum ein Satz ist so falsch wie dieser. Die ersten Filmemacher waren viel weiter, als meist angenommen. Das Kino konnte schon in seiner Geburtsstunde laufen. Das zeigt das Sonderprogramm der diesjährigen Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Filme aus den Jahren 1898 bis 1918 aus den Archiven Europas zusammengetragen hat.

Bild aus "Bout-de-Zan-s'amuse", Louis Feuillade, Frankreich, 1913 Quelle: Produktion Gaumont

Was nun aus den Tiefen von Europas Filmarchiven auftaucht, zertrümmert die Vorstellung vom altmodischen schwarz-weißen Stummfilm-Kino. Schon in seiner Geburtsstunde konnte das Kino alles, was es heute kann: Blüten, die sich im Zeitraffer öffnen - ein Lieblingsbild in Wissens-Sendungen. Wer hätte gedacht, dass schon vor 100 Jahren ein unbekannter Filmemacher in dieser Art Tulpen drehte?

Das frühe Kino: komplex und schön

Ebenfalls vor mehr als 100 Jahren - um 1900 - wurden bereits Röntgenbilder zum Film montiert, Körperfunktionen anschaulich gemacht - lange vor Zeichentrick und Computeranimation. Stop-Motion mit Figuren aus Knetmasse sind noch heute im Kinderprogramm beliebt, doch solche Bilder entstanden schon 1908. 1907 erweckte jemand eine Schweinemaske zum Leben - Puppenbauer wie Muppets-Schöpfer Jim Henson sehen da ziemlich alt aus.

"Kino vor 1914 ist unglaublich farbig" - und nicht nur das ... Kuratorin Mariann Lewinsky im GesprächDas vielleicht erste Musikvideo der Filmgeschichte entstand schon 1908 - das "Schutzmannlied" wurde auf Film und Schellackplatte aufgenommen und synchron abgespielt. "Die Zeit vor 1914, die hat man noch nicht oft gesehen, und das ist sehr aufregend und eine Neuentdeckung", sagt Mariann Lewinsky, Kuratorin der Kurzfilmtage Oberhausen. "Lange Zeit hat man da nur ein bisschen geschaut: Was sind die Vorläufer des Kinos der 20er Jahre? Wo wird montiert, wo wird gefahren? Und das ganze Kino in seiner Komplexität und Schönheit wird gar nicht betrachtet, dieses frühe Kino."

Kino für Jedermann

Über 100 Filme haben die Filmexperten in Oberhausen zusammengetragen - manche seit fast hundert Jahren verschollen, vergessen und nicht mehr vor Publikum gezeigt. Darunter auch einige überraschend modern gefilmte Dokumentationen. Die ersten Filmemacher brachten die weite Welt ins Kino, sogar Aufnahmen aus Tanger in Marokko gab es schon 1908, oder sie entdeckten mit dem Blick von Ethnologen das Leben direkt vor der eigenen Haustür, wie in Saarbrücken 1904. Erstaunlich zu sehen, wie viele Menschen vor Einführung des Autos dort die Straßen belebten.

Diese Filme der ersten Jahre waren nur wenige Minuten lang und wurden zu Kurzfilmprogrammen für Kinder und Erwachsene, Arm und Reich zusammengestellt. Oft reisten Wanderkinos von einem Jahrmarkt zum anderen - Kino für Jedermann. Und im Dunkel des Filmsaals kamen auch die kleinen Leute mit Hochkultur in Kontakt - etwa mit Operettenszenen, unterlegt mit Carusos Stimme.

Kino vor Murnau und Lang

Die Zusammenstellung eines solchen Programms gleicht einer Schatzsuche. Seit Jahren fahndet die Filmhistorikern Mariann Lewinsky in Europas Archiven nach Werken aus der Urzeit des Kinos. "Gemacht wurden einige 10.000 Filme, erhalten sind einige 1.000 und gesehen haben wir einige hundert. Das sind so die Größenordnungen", erklärt sie.

Lèvres collés, Frankreich, Pathé 1906 Quelle: Filmarchiv Austria

Noch liegt vieles unentdeckt in den Archiven, immer wieder kommen überraschende Funde zutage. Man fragt sich, wie das Wissen darüber so lange verschüttet bleiben konnte? Wurden mit Einführung abendfüllender Spielfilme nach dem ersten Weltkrieg die frühen Kurzfilme als primitiv und minderwertig abgetan? Als würde Kino erst mit Murnau und Fritz Langs Metropolis beginnen. Heute denken die meisten nur an lange Stummfilme in Schwarz-Weiß. "Ein Irrtum, der aus den späten 20ern kommt, als Schwarz-Weiß sehr Mode war", so Lewinsky, "man hat damals gesagt, die Lichtsymphonie ist wichtig, und hat so auf Schwarz-Weiß-Kunst gemacht. Aber Kino vor 1914 ist unglaublich farbig ..."

Nichts war den Regisseuren heilig

Sie sind farbig in jeder Hinsicht - und beweisen die Meisterschaft der Kinopioniere. Sie verstanden bereits die Wirkung der entfesselten Kamera und ließen ein Tanzpaar wirbeln. Sie bannten unsichtbare Tricks auf die Leinwand, und das in Farbe. Sie fesselten ihr Publikum mit phantastischen, surrealen Geschichten und prägten damit Generationen von Filmemachern nach ihnen. Regie-Altmeister Luis Bunuel erzählte einmal von seiner frühesten Kindheitserinnerung an das Kino: Einem tanzenden Schwein. Nichts war den ersten Regisseuren heilig, nicht die Kirche, nicht die Konventionen. Bewegte Bilder zum Lachen und Staunen - bis heute.

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