Überleben in der Todesfabrik

Hitlers vergessene Rüstungsschmiede

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er diese Reise wagen konnte. Jan Faktor, deutsch-tschechischer Schriftsteller war unterwegs in Christianstadt, heute Nowgorod in Polen, eine Stunde von der deutschen Grenze entfernt.

"In erster Linie ist Neugier dabei, man will es überprüfen, gucken, was sind die Phantasien und wie sieht's wirklich aus" - so erklärt der Schriftsteller seine Forschungsreise in die Vergangenheit seiner Familie. Was passierte wirklich in den undurchdringlichen Wäldern von Christianstadt? Es gibt ein großes Geheimnis, seit 65 Jahren vergessen, verdrängt und immer noch versteckt in einem militärischen Sperrgebiet.

Von Mengele zur Zwangsarbeit selektiert

Jan Faktors Mutter, genannt Franzi, war in Christianstadt, in einer der größten Munitionsfabriken des Dritten Reiches. Franzi war mit 16 Jahren von Prag nach Theresienstadt deportiert worden, weil sie Jüdin war. "Sie hat da ihr Jugendleben im Grunde auch noch mal ganz intensiv gelebt", erzählt Faktor. "Hatte ihre erste große Liebe dort gehabt. Ihr Freund damals hieß Jan. Und deswegen heiße ich auch Jan. Der ... ging in den ersten Transport nach Auschwitz."

Jan Faktor erzählt von Christianstadt

Aus Verzweiflung verübt sie in Theresienstadt einen Selbstmordversuch, der scheitert. Franzi wird mit Schwester Lissy und Mutter Anna nach Auschwitz verlegt. Dort hat sie ein zweites Mal Glück. Die drei Frauen werden von Mengele persönlich selektiert: nicht ins Gas, sondern zur Arbeit. Von Auschwitz verfrachtet man sie im Sommer 1944 westwärts nach Christianstadt, in die Nähe einer verschlafenen Kleinstadt zwischen Cottbus und Breslau. Christianstadt ist "Geheime Reichssache", eine gigantische Rüstungsschmiede, die in großen Teilen noch heute unzugänglich ist.

820 Gebäude im Wald

Auch Jan Faktor hat bei der Suche nach dem Quartier seiner Mutter Glück. Er lernt bei seinen Recherchen Stefan Jasinski kennen, einen polnischen Offizier im Ruhestand. Seit zwölf Jahren erkundet er das Wald-Gelände der früheren "Dynamit AG". In den Wäldern errichteten die Nazis in Rekordzeit die modernste Munitionsfabrik Europas. 820 Gebäude, elf Zwangsarbeiterlager, insgesamt weit über 25.000 Arbeiter. Genau hier waren Franzi, Lissy und Anna interniert. Die Fundamente sind noch zu sehen.

"Rüstungsminister Speer hat wahrscheinlich den Ort ausgesucht. Das Gelände war weit weg von den Städten, tief in den Wäldern, hatte Gleisanschlüsse und Wasser vom nahen Fluss Bober", sagt Stefan Jasinski. "Hier wurden vor allem Fliegerbomben hergestellt, aber auch Munition für Karabiner, Granaten für Geschütze, einfach alles. Ab März 1940 wurden die ersten Häftlinge eingesetzt. Das Gelände war im Wald gut getarnt." "Christianstadt war eigentlich der Ort, der wunderschön war. Also wenn man aus Auschwitz kam, nach Christianstadt, dann war das - erst mal - ein Paradies", so Jan Faktor. "Die Baracken waren neu, dufteten, hatten Fenster. In Auschwitz stank es wegen der Krematorien, Rauch überall. Dort wuchs kein einziger Grashalm."

Schutzlos und unterernährt

Christianstadt war kein Vernichtungslager, die Frauen sollten rund um die Uhr Bomben für den Endsieg produzieren. Die Munitionsfabrik, Tarnname "Ulme", war drei bis vier Mal so groß wie Peenemünde. 1943 begann die Sprengstoff-Produktion, im August 1944 erreichte sie ihren Höhepunkt. Hier wurde die Hälfte des gesamten Hexogenbestandes des Dritten Reiches hergestellt. Hexogen ist ein Ersatzstoff für TNT, nur 2,25 Mal explosiver.

Jüdische Zwangsarbeiterinnen wurden für die gefährlichsten aller Arbeiten eingesetzt. Die Fertigung und Verfüllung von Granaten, Bomben und Sprengladungen. Ohne jeden Schutz, unterernährt, zwölf Stunden am Tag. Ein Himmelfahrtskommando. "Frauen bekamen rote Haare, epileptische Anfälle, täglich zum Teil", so Faktor. "Mit Amnesie. Wachten auf und wussten nicht, dass sie auf dem Boden lagen und schäumten, aus dem Mund. Nach einer Woche sind sie im Grunde Todeskandidaten."

Manche überlebten die Hölle

Anna Hyndrakova erinnert sich an Christianstadt. Sie war eine der Todeskandidaten und schuftete gemeinsam mit Franzi, Lissy und Anna in der Bombenfabrik. "Entweder überlebt man. Dann gingen wir zum Krankenhaus. Oder man überlebt nicht - und dann ist es egal", sagt Anna Hyndrakova. "Wir haben Spaß gemacht, weil die Frauen Haare wie eine Orange gehabt haben."

Wie durch ein Wunder überleben die Frauen die Hölle von Christianstadt. Für uns ist am inneren Zaun Schluss. Eine Dreherlaubnis gibt es nicht. Der Kernbereich der Munitionsfabrik ist nach wie vor militärisches Sperrgebiet, jetzt der polnischen Armee. "Es tut schon weh, wenn man weiß, keiner kennt es", sagt Jan Faktor. "Es wurde hier gestorben, es wurde gelitten, es war grauenhafte Sklavenarbeit in gigantischen Ausmaßen." Nicht einmal eine Tafel erinnert heute an Christianstadt. Als hätte es die riesige Munitionsfabrik einfach nie gegeben.

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