Überlebenskunst

"Echtleben" - Katja Kullmann über die Ängste der "neuen" Erwachsenen

Katja Kullmann ist als Gewinnerin geboren - ein verwöhntes Mittelstandskind, hervorragend ausgebildet als Politikwissenschaftlerin, mit imposantem Lebenslauf, intelligent und talentiert. Mit Anfang 30 hat sie 2002 einen Bestseller geschrieben. Mit Ende 30 beantragt sie Hartz IV. Sie ist pleite und muss auf's Amt.

In ihrem neuen Buch "Echtleben" beschreibt sie den Gang dort hin: "Etwas in mir hatte gehofft, dass die Frau bei meinem Eintritt ins Behördenzimmer laut loslachen würde. ¿Was wollen Sie denn hier? Haha, das ist ja lustig, dass jemand wie Sie zu jemandem wie mir kommt! Liebe Frau Kullmann, so sehen Sie doch ein, dass Sie sich verlaufen haben! Nun gehen Sie mal schön wieder heim und tun Sie, was Sie sonst immer tun. Und hören Sie auf so blöde Witze zu machen.' Stattdessen untersuchte sie, augenscheinlich unbeeindruckt, meinen Vermögensstand, checkte meine Kontoauszüge der vergangenen sechs Monate (...) Dann sagte sie, warum auch immer, dass ich mich nicht schämen müsse. Das hätte sie nicht tun sollen. Ganz gegen meine Erwartung schossen mir da Tränen in die Augen."

Selbständig und selbstbestimmt sein

Wie konnte das passieren? Katja Kullmann zählt zu den "neuen Erwachsenen" wie sie selbst sie nennt, den heute 30-bis 45-Jährigen, die post-68er Generation. Angetreten, ein freieres Leben zu führen: nicht mehr 30 Jahre angestellt in einer Firma, sondern selbständig und selbstbestimmt. "Eigentlich steht dahinter so ein Ideal der größtmöglichen Unabhängigkeit", sagt Kullmann, "sowohl von einem festen Arbeitgeber als auch einem Partner, der einen am Ende versorgt, als auch von Umweltbedingungen als auch vom Staat."

Nach dem ersten Bestseller zieht sie als freie Journalistin und mit gefülltem Sparkonto nach Berlin, in die Hauptstadt der Kreativen. Sie muss feststellen: die eigene Biografie -ein knallhartes Geschäft. Es geht ums Verkaufen, sich vernetzen, Aufträge ergattern. "In Berlin waren ich und alle meine kreativen bunten Freunde immer im Dienst - 24 Stunden am Tag", erinnert sie sich. Und was verdient ein freier Kreativer? Eine Konzertkritik bringt manchmal nicht mehr als 30 Euro brutto, eine Buchrezension vielleicht mal 90 - oder eine Flasche Wein, so hört man.

Blase "Kreativwirtschaft"

Ein Fünftel weniger zahlen die Verlage im Schnitt ihren freien Mitarbeitern als noch vor zehn Jahren. Mehr schreiben ist also angesagt - nur die Konkurrenz ist größer geworden. Das Heer an freigesetzten Arbeitskräften ist gewachsen. So ist da immer jemand, der es billiger macht. "Kreativwirtschaft ist eine unglaubliche Blase", meint Katja Kullmann. "Ich finde den Begriff Tagelöhnerei, Wanderarbeiterei wesentlich passender. Es gibt dieses Festhalten der Renditen auf Seiten der Anleger oder der Verlagsgeschäftsführung. Das gilt auch für andere Bereiche, wir reden über Journalismus, aber das gibt's in anderen Bereichen der Wirtschaft genauso."

Die Zeit der Ich-AGs hat unter Rot-Grün begonnen: ein Jahrzehnt verschärfte Flexibilisierung für alle - zum Beispiel durch die Lockerung der Leiharbeitsregelungen. Jeder kann sein eigener Unternehmer werden, so die Idee. "Wenn man keinen Betriebsrat hat oder wenn man halbjährlich austauschbar 'fest-frei' beschäftigt wird, dann können Sie sich gar nicht zusammenschließen und gegenüber der Abteilungsleitung mal auf den Tisch hauen und sagen 'Moment mal, wieder 30 Prozent weniger für dieselbe Arbeit, das geht nicht, da müsst ihr woanders sparen oder wir machen alle weniger Geld - aber nicht auf unserem Rücken.' Wie soll das gehen, wenn Sie als Einzelfallbeispiel, Individualkunstwerk dauernd irgendwo anders anheuern."

Hartz IV als kreatives Geschäft

Katja Kullmanns Geld vom Bestseller ist nach sieben Jahren aufgebraucht. Damit hatte sie ihre Selbständigkeit praktisch finanziert. Die Sache mit Hartz IV hält sie in Berlin ein Jahr geheim, dann kommt ein Anruf aus Hamburg - sie fängt als Führungskraft in einem Verlag an. Jetzt sitzt sie plötzlich auf der anderen Seite. "Ich habe Telefonate geführt, genau wie andere Kollegen in anderen Verlagen auch, mit Freien, die seit zwei Jahren eine Rubrik betreuen. Irgendwann kam der Tag X und ich musste die Kollegin anrufen und sagen 'Wir würden gern mit dir weiterarbeiten, ab jetzt für die Hälfte, du hast eine Woche, also überleg's dir, ich kann dir kein anderes Angebot machen. So funktioniert Kreativwirtschaft."

Als der Verlag viele ihrer Kollegen entlässt, geht sie - freiwillig. Ihre Hartz IV-Geschichte macht sie mit einem Buch zum kreativen Geschäft. In der Hoffnung, dass es mindestens ein Jahr reicht.

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