Unbezahlbares Wahrzeichen?

Viel Streit um Hamburgs Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist Deutschlands schwerster Kulturtanker in stürmischer See. Ein Prestigeprojekt höchster Güte von den Architekten Herzog & De Meuron. Der Bauherr, die Stadt Hamburg, hat akute Not, die Kosten im Zaum zu halten.

Die verantwortlichen Politiker hatten am Anfang mit viel zu niedrigen Zahlen gearbeitet, obwohl die Planung nicht abgeschlossen war, so getan, als könne man Weltklassearchitektur zum Schnäppchenpreis haben. "Die Planungstiefe war, als man sich dafür entschlossen hat, - das wissen wir im Nachhinein besser - einfach noch nicht groß genug", sagt Hamburgs parteilose Kultursenatorin Karin von Welck. "Das ist jetzt aber, glaube ich, eher ein demokratietheoretisches Problem." So müsse man sich fragen, weshalb die Kosten bei öffentlichen Bauten oft deutlich höher stiegen, als am Anfang gedacht.

Verantwortlich? Niemand ...

Es ist ein eher praktisches Problem der Demokratie, das, wie so oft, teuer wird. Der Anteil der öffentlichen Hand hat sich vervielfacht. Die Kultursenatorin steht nun vor einem Debakel, Stadt und Baufirma streiten wegen der Kosten vor Gericht. Die Baufirma schiebt die Schuld auf die Architekten. Wie hätte das verhindert werden können? Wolff Mitto, Professor für Baumanagement, meint: "Ich glaube, dass mehr Ehrlichkeit bei solchen Projekten angebracht wäre, indem man sagt: 'Wir brauchen mehr Zeit für die Planung, wir brauchen mehr Zeit für Kostensicherheit, wir brauchen mehr Zeit für Optimierung. Und dann legen wir los, wenn wir es im Griff haben.' Im Grunde steckt dahinter eine Haltung. Ich muss dem Bürger etwas vormachen, damit er zustimmt und dann, wenn ich ihn eingefangen habe, dann kann er nicht mehr weg."

Luftbild Hamburg mit Elbphilharmonie Quelle: dpa

Eine große Portion Optimismus ist jetzt bei den Fürsprechern angesagt. Christoph von Dohnanyi ist Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters. Er wird einer von denen sein, die im sehnlich erwarteten Konzertsaal dirigieren werden. "Das Hin- und Herschieben von Schuldzuweisungen, das ist gar nicht so angebracht", sagt von Dohnanyi. "Das Ding wird gebaut werden. Es wird hoffentlich sehr schön werden, und es wird hoffentlich wirklich Kultur bringen und nicht eine Entertainment-Halle werden."

Streit um Fristen

Architektur ist in den besten Fällen auch unterhaltsam. Was bisher von der Elbphilharmonie zu sehen ist, macht jedenfalls Appetit. Die Schweizer Architekten Herzog & De Meuron sind für ihre experimentellen und waghalsigen Bauten bekannt. Die Allianz-Arena in München oder das Olympiastadion von Peking sind weltbekannt. Jetzt kämpfen Herzog & De Meuron gegen die Behauptung, ihre Architektur sei der Grund für die Kostensteigerungen der Elbphilharmonie in Hamburg - und einfach zu aufwändig. "Der Architekt ist in den Augen der Bevölkerung immer noch der Generalist, der für alles verantwortlich ist. Nun ist es nicht so, dass man als Architekt sagen kann: Ich möchte das so oder so - und total freie Hand hat. Das wäre eine total falsche Vorstellung. Unsere Aufgabe ist es, eine Idee von einem Gebäude zu entwickeln, das in Pläne zu fassen und die rechtzeitig abzuliefern."

Um diese Fristen gibt es immer wieder Streit. Die Elbphilharmonie ist ein extrem komplexes Bauwerk, vieles in dieser Dimension noch nicht gebaut. Die Fassade besteht aus über tausend individuell gefertigten Glaselementen. Der schwierigste Raum ist der Konzertsaal im achten Stockwerk. Er soll einer der besten weltweit werden. Muss man bei solchen Ansprüchen größenwahnsinnig sein? "Das ist fast wie ein Klischee von den Leuten, die denken, das Genie des Architekten spiegelt sich im Wahnsinn des nicht Machbaren", entgegnet Herzog. "Das Spiel mit dem Feuer. Das ist so eine Vorstellung, die in der Realität überhaupt nicht zutrifft. Da wären wir schon längst nicht mehr Architekten. Wir müssen versuchen, Architektur so zu machen, dass sie bei den Leuten ankommt."

Prestige, ja - hohe Kosten, nein

Im Konzertsaal in Hamburg können 2200 Zuschauer sitzen. Er lagert auf einer gefederten Stahlkonstruktion hoch über dem Wasser. Auch die Arbeit für die aufwändige Akustik, die von einem japanischen Spezialisten betreut wird, ist in Hamburg ein Streitpunkt. Mit Projekten wie der Elbphilharmonie, die Wahrzeichenpotenzial haben, schmückt sich die Politik gern. Andererseits redet man ungern über die Kosten.

Computersimulation Elbphilharmonie Quelle: dpa,Herzog & de Meuron

Dafür gibt es berühmte Vorbilder: Die Oper von Sydney wurde erst nach 14 Jahren Bauzeit 1973 fertig. Am Ende war der dänische Architekt Jörn Utzon gar nicht mehr dabei. Die Kosten hatten sich verzehnfacht. Heute ist sie eines der bekanntesten Landmarks der Welt. Genau wie das Olympiastadion in München. Ein weiteres architektonisches Wahrzeichen. "Da wusste man, als der Wettbewerb entschieden wurde, nicht, wie die Konstruktion sein würde", sagt Architekturkritiker Gert Kähler. "Das ist eben bei Dingen, die neu sind, die spektakulär sind, auch unvermeidlich. Nur die Politiker, die Zahlen in den Haushalt einstellen müssen, können gar nicht so lange warten, bis die Planung vorliegt und dann die Kosten auch vorliegen."

Mehr als ein Kick

"Am Ende ist es ein Flurschaden, bezogen auf die Baukultur, wie wir miteinander umgehen", so Baumanagement-Professor Mitto. "Wie wir kulturelle Highlights setzen und wie wir miteinander umgehen. Wir sind schließlich in einer Demokratie." Architektonische Landmarks sind mehr als ein Kick im kulturellen Leben. Die meisten haben über die Jahre ihr Geld wieder eingespielt. Doch die Kosten zu benennen und zu begrenzen ist eine dringende Aufgabe. Wenn die Elbphilharmonie planmäßig fertig wird, spielt das erste Orchester vielleicht in drei Jahren.

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