Unschuldig im Gefängnis

Die wahre Geschichte der Betty Anne Waters im Kino

Im kleinen Ort Ayer im amerikanischen Massachussetts wird 1980 in der Rosewood-Avenue eine Frau brutal erstochen und ausgeraubt. Der Mörder soll ihr polizeibekannter Nachbar gewesen sein, Kenneth Waters. Stoff für Hollywood: Denn obwohl Waters zunächst ein Alibi hat, landet er später doch im Gefängnis - lebenslang.

Genaugenommen ist es die Geschichte seiner Schwester Betty Anne Waters, die ihr Leben dem Kampf um die Unschuld ihres Bruders widmet - im Film gespielt von Oscarpreisträgerin Hilary Swank. Das Hollywood-Vorbild Betty Anne Waters lebt heute im Bundesstaat Rhode Island. Sie erinnert sich gut - das Urteil kam für die Familie völlig überraschend: "Klar waren wir auch etwas besorgt vor dem Prozess, denn eine Geschworenen-Jury entscheidet ja. Aber bis zu Kennys Verurteilung habe ich wirklich geglaubt: Ins Gefängnis kommen immer nur die Schuldigen. Ich wusste, er war unschuldig, ich kannte außerdem alle Beweise, ich kannte meinen Bruder, alles sprach für ihn. Damit hatte ich nicht gerechnet."

Einzelhaft nach Selbstmordversuch

Betty Anne und Kenny wachsen gemeinsam mit sieben Geschwistern in Ayer auf, sie sind unzertrennlich. Die Polizei im Ort kennt die beiden Wildlinge schon, die im Supermarkt klauen, in Häuser einbrechen, die Schule schwänzen. Da Kenny vorbestraft ist, wird er auch nach dem Mord an seiner Nachbarin vorgeladen. Doch er hatte zur Tatzeit im örtlichen Restaurant gearbeitet. Im Prozess verzichtet Kenny sogar auf einen eigenen Verteidiger - das Geld könne sich die Familie sparen. Doch im Gericht tauchen plötzlich Ex-Freundinnen auf, die behaupten, Kenny habe ihnen den Mord gestanden. Auch die Dienstpläne des Restaurants sind auf einmal verschwunden.

Die zwölfköpfige Laien-Jury befindet aufgrund der Zeugenaussagen einstimmig: schuldig. Das Urteil lautet 'Lebenslang ohne Aussicht auf vorzeitige Haftentlassung'. Im Gefängnis wird Kenny depressiv. "Ich lebte zwar in Florida, aber habe zwei Mal pro Woche mit ihm telefoniert", erinnert sich Betty Anne Waters. "Nachdem er die Berufung verloren hatte, hörte ich 30 Tage nichts von ihm. Ich rief immer wieder seinen Anwalt an, bis ich endlich erfuhr: Er hatte versucht sich umzubringen. Und im Gefängnis wird man dafür mit Einzelhaft bestraft."

Von der Bardame zur Anwältin

Betty Anne hatte damals das Gefühl, die Anwälte erklären ihnen nicht alles, reden über ihre Köpfe hinweg. Sie versteht immer nichts, bis es zu spät ist. Die Schulabbrecherin kommt mit Anfang 30 auf eine scheinbar wahnwitzige Idee, um ihrem Bruder Lebensmut zu geben. Im Film sagt sie im Gefängnis zu Kenny: "Zuerst will ich den Bachelor machen, sobald ich endlich den Schulabschluss in der Tasche habe und - wenn ich das schaffe - danach bewerbe ich mich für Jura. Ich bin vielleicht 80, bis ich Anwältin bin und auch dann weiß ich nicht, ob ich dir helfen kann, aber du musst mir versprechen, dass du nie wieder versuchst, dich umzubringen." Die 'echte' Betty Anne Waters hat das so erlebt: "Allein, dass ich mich für die Schule angemeldet hatte, machte ihm Mut. Er war so begeistert - und er wusste, dass ich das schaffen kann. Kenny hat so viel mehr an mich geglaubt, als ich es selbst je gekonnt hätte."

Ihr Mann verlässt sie, nimmt die beiden Söhne mit. Doch die Kellnerin Betty Anne schafft es tatsächlich bis zum Jura-Studium, stößt bei einer Hausarbeit auf eine neue Beweis-Methode: den DNA Test. Das könnte der Schlüssel sein. Und sie hat Glück - die Beweisstücke waren auch nach mittlerweile 16 Jahren nicht vernichtet. Sie erfährt außerdem, dass ihr Bruder kein Einzelfall ist. Bisher sind 258 Schuldsprüche in den USA durch neue DNA-Beweise aufgehoben worden. Der Test zeigt: Kenny war nicht der Mörder. "Wenn in Massachusetts die Todesstrafe gegolten hätte, wäre Kenny wohl im Gefängnis gestorben. Denn achtzehneinhalb Jahre sind eine lange Zeit - da wäre er wahrscheinlich vom Staat getötet worden", sagt Betty Anne Waters.

6 Monate nach der Rehabilitation stirbt er

Nach achtzehneinhalb Jahren ist Kenny frei. Die Zeugen hatten schlicht gelogen und eine Polizistin wollte sich profilieren. Was im Film nicht mehr zu sehen ist: Ein halbes Jahr nach der Entlassung 2001 stürzt Kenneth Waters unglücklich und erliegt im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen. "Es ist schwer zu fassen, aber was mich hält ist: Die letzten sechs Monate als freier Mann waren die besten seines Lebens", sagt Betty Anne Waters. "Er starb im Kreis seiner Freunde und Familie. Darin muss ich Trost finden."

Sie ist heute Anwältin, aber praktiziert diesen Beruf nur ehrenamtlich für das New Yorker "Innocence-Project", das sich für unschuldig Inhaftierte einsetzt. Ihr Geld verdient sie als Geschäftsführerin eines Pubs in ihrem Heimatort Bristol in Rhode Island. Eine Entschuldigung vom Staat gab es für ihren Bruder nie. Betty Anne allerdings verklagte die Stadt Ayer erfolgreich auf 3,4 Millionen Dollar.

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