Unter Nazigirls

Der preisgekrönte Kinofilm "Die Kriegerin"

Sie blieben bisher oft nur ein Phantom: rechtsextreme Frauen. Es gibt sie aber, die so genannten "braunen Töchter"; es werden zunehmend mehr und sie sind nicht weniger gewaltbereit als ihre männlichen Mitstreiter. Solchen Frauen verleiht der mehrfach ausgezeichnete Spielfilm "Die Kriegerin" ein ungekanntes Gesicht.

Die in U-Haft sitzende Beate Zschäpe, Mitglied der Zwickauer Terror-Zelle, wird des Terrorismus beschuldigt, des Mordes verdächtigt. Harte Vorwürfe an eine Frau, die doch bis heute ein einziges Phantom geblieben ist. Und trotzdem heißt es derweil lapidar, sie sei nur eine Mitläuferin, politisch kaum aktiv, ein Nazi-Betthäschen. Warum nur so verharmlosend?

Jeder fünfte Nazi ist eine Frau

Dr. Esther Lehnert vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus meint: "Da greift dieses Phänomen der doppelten Unsichtbarkeit, dass Frauen immer noch viel weniger eine politische Meinung zugetraut wird: Und dann noch mal viel weniger eine politische Meinung, die derart menschenverachtend ist und derartig gewalttätig ist."

Sandro (Gerdy Zint) und Marisa (Alina Levshin) sind unzertrennlich.
Sandro und Marisa Quelle: Ascot Elite Filmverleih / Alexander Janetzko

Der jetzt anlaufende Film "Die Kriegerin" macht rechtsextreme Frauen wie Zschäpe sichtbar. Vielleicht, weil er sich von Rechtsextremismus-Experten wie Lehnert hat beraten lassen? Weil er weiß, dass mittlerweile jeder fünfte Nazi eine Frau, eine fanatische Frau ist? Im Film heißt sie Marisa. Eine 20-jährige Rechtsradikale aus dem Osten, die sich vollkommen dem Kampf für ein sauberes Deutschland hingibt. Während andere noch Klischeebilder von Nazibräuten beschwören, weiß dieser Film offensichtlich, wovon er spricht: Die Figur Marisa ist das Ergebnis langer Recherchen mit Nazifrauen.

Erstaunliche Binnensicht

"Was sich in den Gesprächen bestätigt hat, ist, dass die an sich schon mit so vielen Widersprüchen leben", sagt Regisseur David Falko Wnendt, "und das ist natürlich für eine Filmfigur interessant. In der rechten Ideologie bleibt ja nur Platz als Mutter und am Herd, wenn man es genau nimmt. Und diese Frauen sind wirklich aktiv, die leben ganz anders und ich wollte wissen: Wie lebt man denn mit diesen Widersprüchen?" Vielleicht ist die Härte der rechten Frauen nur eine Reaktion auf ihre Unterdrückung? Auf jeden Fall liefert der Film eine erstaunliche Binnensicht aus dem Milieu.

Der zähe Kampf der Frauen, sich ausgerechnet in dieser Welt zu behaupten - beeindruckend gut gespielt von Alina Levshin, übrigens einer Deutsch-Russin. Alina Levshin wollte diese Rolle unbedingt:"Das hat mich echt gereizt, es gibt Menschen, die haben verschiedene Wege und Schicksale und das könnte passieren." Es gibt nicht DIE rechte Szene oder DIE Nazifrau, wie Experten immer wieder betonen. So versteht man, warum der Film auch die Einser-Schülerin Svenja zeigt, die langsam ins Milieu reinrutscht und ihren bürgerlichen Eltern das Leben zur Hölle macht. Offensichtlich ein Pluspunkt des Films. "Es gibt so krasse Nazigeschichten, die überhaupt nichts mit uns oder unserer Gesellschaft zu tun haben", wendet Esther Lehnert ein. "Aber gerade wenn man sich das Engagement von Frauen im rechtsextremen Bereich anguckt, ist ja auch ganz wichtig, was für Brücken die so in die bürgerliche Gesellschaft schlagen."

Anerkennung bei den falschen Vorbildern

Leider tauchen solche neuen Nazi-Frauen, vor denen Experten zunehmend warnen, in dem Film nicht auf. Rechte Frauen, die in Parteien und Vereinen auf die sanfte Tour infiltrieren. Möglicherweise tragen solche umtriebigen Frauen ja einen noch größeren Maulkorb als die Aussteigerinnen die der Regisseur getroffen hat? "Die waren alle sehr bedacht darauf, dass diese Gespräche geheim waren, weil die genau wussten, dass die Ärger bekommen würden, wenn jemand wüsste, dass sie mit mir geredet haben", erzählt Regisseur Wnendt. "Das heißt, wenn ich direkt einen Film über die gemacht hätte, egal wie sehr die mir vertraut hätten, hätte ich sie unkenntlich machen, die Stimme verstellen müssen. Da wäre also eine große Distanz gewesen."

Marisa (Alina Levshin) streitet mit ihrer Mutter Bea (Rosa Enskat).
Die Kriegerin Quelle: Ascot Elite Filmverleih/A.Janetzko

Auch wenn ein Dokumentarfilm mit echten Bildern von Nazi-Frauen jetzt angebracht wäre, so wäre er wohl schwierig und lange nicht so bewegend wie Wnendts Spielfilm. In intimen Momenten entwickelt man fast ein Verständnis für rechte Frauen. Für Frauen, die Anerkennung suchen - bei den falschen Vorbildern. Marisas Opa ist ein Musterbeispiel für die Großelterngeneration die - laut Studien - einen extrem großen Einfluss auf die politische Einstellung von Jugendlichen hat. "Es war mir ein Anliegen, dass der Film vielleicht nicht Lösungsmöglichkeiten zeigt, aber zumindest überlegt: Was für Ursachen gibt es", sagt Wnendt. "Und da versucht der Film, verschiedene Faktoren zu nennen. Dass es nicht immer, wie man denkt, Arbeitslosigkeit oder Hoffnungslosigkeit ist. Dass tatsächlich die Familien eine große Rolle spielen."

Sie wird selten klassisch straffällig

Konsequenterweise gerät Marisas Weltbild mit dem Tod des Großvaters ins Wanken, sie schlägt um sich und versucht die Flucht, den Ausstieg. Doch der, so erfährt man, wird oft behindert und selten unterstützt. "Ausstiegsprogramme sind sehr häufig mit dem Fokus Gewalt verknüpft oder mit Straftaten", sagt Esther Lehnert. "Und da Frauen zum Glück nach wie vor sehr unterrepräsentiert sind, wird weniger auf die normale Frau geschaut, die einen sehr wichtigen Beitrag leistet, aber selten klassisch straffällig wird. Das heißt, Frauen sind grundsätzlich auch da weniger im Blick."

Ob Marisa ein Ausstiegsprogramm geholfen hätte? Wer weiß. Aber mehr Öffentlichkeit für solche Frauen hätte schon viel gebracht. Und die entsteht durch beeindruckende Filme wie diesen.

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