Uta, die schönste Frau des Mittelalters

Wie ein Franzose einen deutschen Mythos schuf

Vor gar nicht allzu langer Zeit galt Naumburg noch als heiliger Schrein der deutschen Seele. Nicht etwa wegen des mächtigen Doms oder seines frühgotischen Westchors mit all seinen Stifterfiguren. Berühmt wurde Naumburg einzig und allein ihretwegen: Uta, Gräfin von Ballenstedt.

In ihr glaubte man das Urbild der edlen deutschen Frau gefunden zu haben. Dabei könnte ihr roter Erdbeermund noch heute problemlos jede Kosmetikreklame schmücken. Ihre 750 Jahre sieht man ihr nicht an: eine kühle Schönheit, aristokratisch, stolz und doch verletzlich. Diesen Geniestreich, so glaubte man, kann nur ein deutscher Geist geschaffen haben.

Verzerrtes Bild vom Naumburger Meister

Utas Ruhm setze erstaunlich spät ein - mit dem noch jungen Medium der Fotografie. Walther Hege inszenierte die Figuren vor 100 Jahren wie Stummfilmstars. Besonders Uta entsprach in ihrer makellos kühlen Erotik dem Schönheitsideal jener Jahre. Ihr gegenüber wirkten eine Dietrich oder Garbo wie billige Kopien. Wen wundert es, dass Walt Disneys "Schneewittchen" die vermeintlich urdeutsche Ikone zur bösen Königin stilisierte? Mit den Nazis steigerte sich der Uta-Kult ins Absurde. In Kompaniestärke pilgerte man nach Naumburg, Propagandabilder erklärten den Vernichtungskrieg im Osten zur Abwehrschlacht um deutsche Kultur.

Das Gefasel vom deutschen Genie hat die Beschäftigung mit dem Naumburger Meister nachhaltig vergiftet. Dabei sind sich die Experten heute einig: Der große Unbekannte muss Franzose gewesen sein. "Das Bild vom Naumburger Meister ist durch die deutsche Kunstgeschichte verzerrt worden", sagt Hartmut Krohm, Professor für Kunstgeschichte an der TU Berlin. "Es ist ein deutsches Genie hervorgezaubert worden und die Kunstgeschichte hat sich hauptsächlich darauf konzentriert, sein deutsches Wesen darzustellen, ihn zu einem großen Genie zu stilisieren." Die frühsten Spuren des Meisters finden sich in den revolutionären gotischen Kathedralen, allen voran in Reims. Im Schatten der großen Dombaustellen gab es damals eine wahre Explosion neuen Wissens - in Architektur, Bildhauerei und in den Wissenschaften. Hier muss der Meister gelernt haben, hier liegen die Ursprünge seiner Kunst.

Das Werk eines Einzelnen?

In 40 Metern Höhe tragen Dämonenmasken in Reims dieselbe charakteristische Handschrift wie die Naumburger Skulpturen. Die Spur führt über Straßburg weiter nach Mainz. Vom gotischen Lettner, der steinernen Chorschranke, sind nur Bruchstücke erhalten. Er wurde bereits 1682 abgerissen. Aber die Reste, die geborgen wurden, wirken so lebendig wie Schnappschüsse aus einer vergangenen Welt. Kann dies das Werk eines Einzelnen sein? "Ich bin davon überzeugt, dass es eine Person ist", sagt Hartmut Krohm. "Man muss ja irgendwie auch eine Vorstellung entwickeln, wie so ein gedanklicher Austausch, wie Wissensaneignung erfolgt. Dass das nicht nur auf nur eine Person zu kaprizieren ist, sondern dass das eine spezialisierte Werkstatt ist, das ist auch klar."

Von Mainz aus wurde die Bauhütte des unbekannten Meisters nach Naumburg gerufen. Der dortige romanische Dom sollte im neuen gotischen Stil seinen spektakulären Abschluss finden. Schon der Lettner war revolutionär für die Zeit: So drastisch, emotional und auf Augenhöhe mit dem Betrachter war die Leidensgeschichte Christi noch nirgendwo in Szene gesetzt worden. Dann der Chor: Wo gewöhnlich Heilige herabblicken, stehen in Naumburg adlige Stifter. Zwölf Männer und Frauen, die ihr ganzes Vermögen der Kirche spendeten - in Hoffnung auf ein wenig Seelenheil.

Ohne jede Idealisierung

Uta und Ekkehard, Hermann, Reglindis und all die anderen waren bereits seit 200 Jahre tot, als der Naumburger Meister sie aus dem Stein meißelte. Ihm ging es also nicht um wieder erkennbare Portraits. Ohne jede Idealisierung stehen sie dort oben, mit all ihren charakterlichen Schwächen - aber vorbildlich durch ihre Großzügigkeit.

Heute können wir uns dem Werk dieses Bildhauers und Architekten wieder unbefangen widmen. Eine Ausstellung in Naumburg feiert den unbekannten Meister - ganz ohne nationalistischen Budenzauber - als großen europäischen Künstler.

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