Verdammte Freiheit

Jonathan Franzen als Familiengeschichte angelegtes Gesellschaftsepos

Es gehört zum Geschäft, also macht er's eben. Und siehe da: der einst schüchterne amerikanische Schriftsteller wird zum regelrechten Comedian auf dem blauen sofa - denn Jonathan Franzen versteht und spricht deutsch, gibt Interviews aber lieber auf Englisch. Das führte am vergangenen Freitag zu amüsanten Verwirrungen im sofa-Gespräch. Vielleicht hat sich der US-Amerikaner in den acht Jahren seit seinem Bestseller-Erfolg mit "Die Korrekturen" doch so langsam daran gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen.

Später sagt er, das Interview habe ihm hervorragend gefallen - weil er wegen der lustigen Performance kaum über sein Buch sprechen musste. Das mag er nämlich nicht. Romane sollen eine Erfahrung bieten und hätten keine Message. Selbst im Buchtrailer auf der Internetseite seines Verlags tut er sein Unbehagen kund. Es ist ihm ernst. "Das ist vielleicht eine gute Gelegenheit mal zu sagen, wie äußerst unangenehm ich solche Videos finde. Der ganze Sinn eines Romans besteht doch darin, den Leser an einen Ort der Stille zu führen", so Franzen in der Videobotschaft.

Familiengeschichte, Epochen-Panorama

In der Tat ist sein Roman "Freiheit" nichts, was man mal eben in 20 Sekunden zusammenfassen könnte. Auf 730 Seiten entfaltet Franzen eine epische Familiengeschichte unserer Zeit, die den Leser in den Bann zieht. Der Familienroman - ein Genre aus dem 19. Jahrhundert. Sogar mit Tolstoijs Mammutwerk "Krieg und Frieden" wurde "Freiheit" in den vergangen Tagen schon verglichen. Doch Franzen wehrt sich gegen den Stempel Gesellschaftsroman: "Ich schreibe keine Gesellschaftsromane. Damit meine ich, dass ich keinerlei Bedürfnis hege, die Leser zu erziehen oder aufzuklären über etwas, das sie nicht wissen - und das will ein Gesellschaftsroman. Diese Aufgabe wird heute weitgehend vom Fernsehen übernommen."

Jonathan Franzen während der Frankfurter Buchmesse im Gespräch auf dem blauen sofa

Franzen hat dennoch einen Roman über uns und wie wir heute leben geschrieben. Die Geschichte spielt, wie schon sein letzter Bestseller "Die Korrekturen" im Mittleren Westen der USA, in einer Mittelklassefamilie, in der Midlife Crisis. Im Zentrum steht die einst erfolgreiche Basketballspielerin Patty, die als Ehefrau und Mutter alles richtig machen will - besser als die Eltern. Zum Beispiel heiratet sie den netten liebenswerten Walter, statt seinen besten Freund, den Rockmusiker Richard - in den sie eigentlich verliebt war.

Doch das ist nur der sehr dürftige Umriss des Romans. Es ist ein Erlebnis, Franzens Charakteren in ihren Obsessionen und Lebensläufen zu folgen. Bis zum bitteren Ende. "Ich hoffe, dass genauso wie bei einem Theaterstück, wo man am Anfang eine Pistole sieht und weiß, sie wird abgefeuert - dass, wenn in einem Franzen-Roman eine Figur sagt, ich werde es anders und besser machen, man weiß, was passieren wird. Das kann nicht gut gehen", so Franzen.

Mittelklasse, Midlife-Crisis

Unter der komplexen Familiengeschichte liegt die Bush-Ära Anfang dieses Jahrtausends. Der Roman ist eine Art literarisches Fegefeuer der Zeit. Jeder redet und schreit nach Freiheit - und meint damit etwas völlig anderes. Der Begriff ist zur bloßen Hülse geworden, missbraucht von Politik und Werbung. "Es sind nicht die schlechtesten Zeiten für Romane, eigentlich: Marxisten würden sie die negativen Momente unserer Kultur von Konsum und Kapitalismus nennen - die zeigen sich gerade, und die Menschen haben es wirklich satt, wie verdreht unsere Welt ist" - so heit es in "Freiheit".

Pattys braver Ehemann Walter widmet sich wie besessen der Rettung gefährdeter Vogelarten. Das ist auch eines von Franzens liebsten Hobbies - der 51-Jährige lebt abwechselnd in New York und Kalifornien, wo er am liebsten Vögel beobachtet. "Warum ich das gerne mache? Ich identifiziere mich mit Vögeln", sagt er im Interview. "Sie identifizieren sich mit Vögeln?" "Ja, ich sehe mich in ihnen." Trotz aller Performance-Qualitäten bleibt er also doch ein scheuer Schriftsteller. Für Franzen gehören Bücher, Leser und Autoren zu einer aussterbenden Art. Doch ausgerechnet seine Romane stemmen sich mit aller Kraft dagegen. Auch wenn es pathetisch klingt- sie beweisen, dass es Dinge gibt, Erfahrungen, die man nur in der Stille, mit Büchern machen kann. Und weniger auf Buchmessen.

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