Vergesst Shakespeare!

Roland Emmerichs Film "Anonymus"

Nie wieder Katastrophenfilme, hat Roland Emmerich nach seinem Weltuntergangsspektakel "2012" versprochen. Daran gehalten hat er sich nur teilweise. Denn insgeheim hofft Deutschlands berühmtester Katastrophenfilmer mit seinem neuen Streifen "Anonymus" die literarische Welt zu erschüttern und ihren größten Säulenheiligen zu stürzen. Seine These: Shakespeare mag vieles gewesen sein, aber gewiss kein Dichter.

Die Enttarnung Shakespeares als Hochstapler - das dürfte nicht jedem Anglistik-Professor schmecken. "Diese Professoren haben ihr ganzes Leben lang damit verbracht, Bücher zu schreiben über den Mann von Stratford. Jetzt kommen wir daher und sagen: Nee, das war ein ganz anderer", sagt Roland Emmerich im aspekte-Interview. "Klar sind die sauer. Das ist ihr Lebenswerk. Da würde ich auch sauer sein (lacht). In gewissem Sinne ist das wie ein Priester, der plötzlich gegen Ende seines Lebens merkt: Es gibt keinen Gott."

Alles ein großer Bluff?

Emmerich weiß sich mit dieser Gotteslästerung in guter Gesellschaft -ob Bismarck oder Orson Welles, Chaplin oder Sigmund Freud: Sie alle glaubten nicht an Shakespeares Autorenschaft. Mark Twain, der alte Spötter, hat der Suche nach dem Shakespeare-Code sogar sein letztes Buch gewidmet. "Shakespeares Werk wurde nicht von Shakespeare geschrieben, sondern von einem anderen Dichter gleichen Namens", heißt es da.

Woher aber kommen nur all die Zweifel am armen Will? Zu seinem Geburtshaus nach Stratford pilgern schließlich Jahr für Jahr Tausende gutgläubige Besucher. Alles ein großer Bluff? Fakt ist: Wir wissen so gut wie nichts über den Mann. Keines seiner Werke ist handschriftlich überliefert. Nur sein Testament ist erhalten. Darin vermacht er seiner Frau sein "zweitbestes Bett", erwähnt aber kein einziges Buch, geschweige denn eigene Werke. Seine Frau und die beiden Töchter waren Analphabeten. Er selbst hat als 12-Jähriger die Lateinschule verlassen. Sollte das reichen, um den "Hamlet" zu schreiben? "William Shakespeare ist im 19. Jahrhundert zum Hero der 'Working Class' geworden", so Emmerich. "Die Arbeiter haben gesagt: 'Guck mal, du brauchst keine große Schule, aber wenn du brav und fleißig bist, dann kannst du vielleicht auch mal so groß werden wie William Shakespeare. Und das ist natürlich ein Blödsinn."

Bacon, Marlowe, Oxford - wer war's?

Im London jener Jahre war das Theater eine heikle Angelegenheit. Schließlich herrschte Zensur. Da kam ein versoffener Provinz-Schauspieler wie William Shakespeare gerade recht - um dem echten Autor als Strohmann zu dienen. Nur - wer soll die Stücke dann geschrieben haben? Sir Francis Bacon galt lange als heißester Kandidat. Aber auch Christopher Marlowe, Ben Johnson, selbst Queen Elizabeth wurden schon ins Spiel gebracht. Emmerich hat sich für den Earl of Oxford entschieden: "Für mich macht der Earl of Oxford am meisten Sinn, weil er einfach so ein Renaissance-Allround-Genie war." Der Earl hat die nötige Bildung genossen und ist weit gereist. Viele Schauplätze aus Shakespeares Dramen hat er nachweislich besucht.

Rhy Ifans als Earl von Oxford in "Anonymus"
Earl von Oxford "Anonymus" Quelle: Sony

Nur - einen Haken hat die schöne Theorie doch: Der Earl starb schon 1604. Lange bevor die letzten Shakespeare-Dramen überhaupt geschrieben waren. "Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass der Mann aus Stratford nicht der Autor war. Ich könnte jetzt aber nicht mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dass Oxford der Autor war", sagt Roland Emmerich.

Intrigen, Inzest und Mord

Den Fall Shakespeare wird auch Roland Emmerich nicht endgültig klären. Seinem Film schadet das nicht. "Anonymus" ist ein opulentes Historiengebräu: angerührt aus Intrigen, Inzest und Mord. Garniert mit zahlreichen Zitaten und historischen Anspielungen. Ein Shakespeare hätte seine wahre Freude dran gehabt. Wer auch immer das gewesen sein mag.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet