Verlorene Helden

Ein Insider-Bericht über das Minenunglück in Chile

Die Welt staunte nicht schlecht, als man im Herbst vergangenen Jahres den 33 verschütteten chilenischen Kumpeln 700 Meter unter der Erde Fußball im Fernsehen kredenzte. Bisher eher unbekannt ist, dass das gut gemeinte unterirdische Glotzen die Kommunikation der Bergleute nahezu zerstörte und eine funktionierende Arbeitsstruktur lahmlegte.

Autor Jonathan Franklin berichtete damals aus der Atacamawüste für den "Guardian" und die "Washington Post". Er war der einzige Print-Journalist, der Zugang zum Sicherheitsbereich der chilenischen Mine San José hatte. In seinem Buch "33 Männer lebendig begraben" erzählt er nun von skurrilen Fehlern der betreuenden Psychologen, von exzessiver Zensur und einer gewieften Medieninszenierung der chilenischen Regierung.

"Die Regierung", sagt er, "wollte die Bergleute der Welt als Helden vorführen, als menschliche Trophäen, die den inspirierenden Unternehmergeist des Präsidenten verkörperten." Der erst kurze Zeit amtierende chilenische Präsident Sebastian Piñera reagierte nach dem Grubenunglück schnell und unkonventionell, nahm Hilfe der NASA an und veranlasste weitsichtig drei parallel laufende Bohrungen. Von den Bergleuten unter Tage wusste man 17 Tage lang nichts.

Abstimmung und Organisation unter Tage

Anhand von 40 Stunden Filmmaterial aus dem Bergwerk sowie hunderten von Interviews mit den Bergleuten und ihren Familien erstellte Franklin im Nachhinein ein minutiöses Bild vom Zusammenbruch der Mine und den Tagen ohne Kontakt. "Im ersten Moment nach der Druckwelle gab es ein heilloses Durcheinander, sie rannten alle schreiend durcheinander, versuchten, jeder für sich einen Ausweg zu suchen", berichtet er, "aber innerhalb von 24 Stunden war ihnen klar, dass sie es nur schaffen würden, wenn sie sich ordentlich organisieren würden. Sie beschlossen, über alles abzustimmen. Letztlich war das der Schlüssel ihres Erfolgs."

Mit natürlichem Überlebenswillen und einer Menge Improvisationsgeschick schufen sich die Männer unterirdisch eine neue Welt. Schnell übernahmen Kumpel neue Aufgaben, die ihnen zum "Beruf" wurden. José Henriquez, ein begeisterter Laienprediger, hielt seit dem ersten Tag Morgenandacht. Der sonst dichtende Bergmann Victor Segovia wurde zum Chronisten der unterirdischen Zeit. Bald gab es auch zwei Techniker, die für Licht sorgten, und Yonni Barrios entpuppte sich als Notarzt: "Seit Jahren las er medizinische Fachbücher und jetzt wurde er plötzlich zu dem Arzt, der er nie hatte sein können. Er diagnostizierte und behandelte die Haut- und Zahnprobleme seiner Kumpel so gut er konnte. Richtig viel wusste er nicht, aber eben besser als nichts. Sie haben ihn dann 'Dr. House' genannt." Später, als der Kontakt nach oben hergestellt war, konnte "Dr. House" seine Kumpel unter Tage gegen Tetanus und andere Krankheiten impfen. Das medizinische Besteck wurde ihm durch die "Paloma", die Rohrleitung zugeschickt, durch die auch Briefe, Telefon- und Fernsehleitungen gingen.

"Verhaftet den Psychologen!"

Überirdisch schaffte die zuständige Versicherungsfirma rasch einen Psychologen - Alberto Iturra - aus der Umgebung heran, der mit den Bergmännern sprechen und sie stabilisieren sollte. Iturra verlangte, dass die unten vorherrschende, demokratische Struktur einer streng hierarchischen weichen müsse. Zudem schwor er auf die Taktik "Zuckerbrot und Peitsche". Briefe der Familien wurden zensiert oder - soweit emotional schwierig - gar nicht weitergereicht. Aus Zeitungen wurden problematische Berichte herausgeschnitten, Telefonate limitierte er gar auf 60 Sekunden. Wer gehorchte, bekam einige Sekunden oder einen Brief mehr. Schnell sahen die Minenarbeiter all ihre Vorurteile über Psychologen bestätigt und drohten - gerade dem Hungertod entronnen - mit einem Hungerstreik.

"Die Kumpel waren so sauer auf den Psychologen, dass sie den Chefarzt oben anriefen", so Franklin. "Und sie fragten, ob Polizei vor Ort sei. 'Ja', antwortete der Arzt. 'Ok', sagten die Bergleute, 'wir wollen, dass Sie den Psychologen verhaften lassen.' 'Klar, kein Problem', sagte der Chefarzt daraufhin - sie nicht ganz ernst nehmend. Und die Kumpel fingen wirklich an, Goldbrocken nach oben zu schicken, weil sie glaubten, ihr irrer Plan sei angenommen worden." Psychologe Iturra wurde für eine Zeit von einem andern Psychologen abgelöst. Der erlaubt alles, ließ Päckchen der Angehörigen nicht kontrollieren. "Die Familien schickten jetzt alle: Marihuana, Tabletten, Schokolade, Bonbons, und: Das Fernsehen kam nach unten. Und das hat die Disziplin total durcheinander gebracht."

"Wir sind nicht krank, schickt uns Bier!"

Psychologisch gesehen war die Situation der eingeschlossenen Arbeiter Neuland, sagt Franklin - eine "Mission Impossible. Der Psychologe sagte: 'Könnt ihr mir von euren Gefühlen dort unten erzählen?' Und die Arbeiter antworteten:' Wir sind nicht krank, schickt uns Bier und Zigaretten runter!'" Im Rückblick sehen die Rettungskräfte das Fernsehen als ihren größten Fehler. Wäre es Radio gewesen, die Kumpeln hätten sich gesellschaftlich weiterhin nützlich machen können. So aber hingen einige nur noch vor dem Fernseher herum, worüber sich andere beschwerten. Einer wirklichen Eskalation kam dann die geglückte Rettungsaktion zuvor.

Zeitgleich liefen überirdisch erste Filmarbeiten zur Vermarktung des Dramas - in einer nahegelegenen Mine. Das Unglück als Unterhaltungsmaschinerie: Selbst vor einem Porno schreckt man nicht zurück - "33 Männer und eine Frau". Die frauenlose Gemeinschaft unter Tage hielt - davon unbehelligt - erstaunlich gut durch: mehr als zwei Monate lang.

Die Medien sind ihr ständiger Begleiter

Die Rettung nach 68 Tagen wurde weltweit medial gefeiert. Präsident Piñera, der seine politische Zukunft von der Rettung der Bergleute abhängig gemacht hatte, sonnte sich im Scheinwerferlicht. Eine Klage der Bergleute wehrte er später ab. Jonathan Franklin war dabei: "Sechs Stunden haben Regierungsanwälte auf die Bergleute eingeredet. Zum Schluss haben die Kumpel die Klage gegen die Regierung fallen gelassen - im Tausch gegen anwaltliche Unterstützung für einen anstehenden Hollywood-Film. Unglaublich. Hätte ich anfangs ein Aufnahmegerät auf den Tisch gestellt, ich hätte die ganze Regierung hochgehen lassen können."

Anfang dieser Woche tourten 25 der 33 Kumpel durch Israel. Die Kumpel dankten in der Bethlehemer Geburtsgrotte ihrem Schicksal - vor dutzenden Kameras. Die werden sie seit ihrer Rettung nicht mehr los. Ob beim Disney World-Besuch oder beim Fußballclub Manchester United: Die Medien sind ihr ständiger Begleiter. Doch das Bild, das die Medien verbreiten, trügt. "Es geht ihnen in Wirklichkeit dreckig", weiß Franklin. "Ich glaube, weit mehr als 15 Prozent von ihnen haben große Schwierigkeiten. Bei 32 von den 33 wurden posttraumatische Belastungsstörungen diagnostiziert. Von den fünf, mit denen ich zuletzt sprach, wollten zwei sich umbringen. Sie wollen keine psychologische Hilfe, dabei brauchen sie sie unbedingt. Ich glaube, sie fühlen sich sehr verloren, sie haben auch kaum mehr Geld und müssen daher bald wieder arbeiten gehen."

Als Helden gefeiert - und vergessen

Doch die Mine ist geschlossen, die Besitzer haben Konkurs angemeldet. Das Gold und Kupfer, das noch in der eingestürzten Mine ruht, ist immer noch Hunderte Millionen Dollar wert. "Die Eigentümer der Mine werden wahrscheinlich nie ins Gefängnis wandern", sagt Jonathan Franklin. "Denn niemand wurde getötet oder ernsthaft verletzt. Es gab keine gebrochenen Knochen, nur ein paar ausgeschlagene Zähne. Sie haben ungeheuer Glück gehabt: Obwohl der Einsturz dieses riesigen Bergbrockens ungeheures Aufsehen erregt hat, ist rechtlich nichts zu machen. Das chilenische Recht sieht in dem Unglück nicht mal einen Arbeitsunfall, weil keiner zu Schaden gekommen ist. Es ist nur ein Vorfall am Arbeitsplatz und das ändert gleich alles."

In Chile gibt es seit dem Unglück mehr Mineninspektionen und auch mehr Schließungen. Doch dank des hohen Gold- und Kupferpreises werden alte Minen schon wieder geöffnet, die Regierung hat längst den Überblick verloren. Jonathan Franklins Buch ist literarisch kein großer Wurf, aber ein genauer und erschütternder Blick hinter die Kulissen, der aufzeigt, wie die von Medien bestimmte Gesellschaft ihre Helden frenetisch feiert, um sie dann genauso schnell wieder zu vergessen.

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