Versuch einer Entfesselung

Über Reformwillen in Saudi-Arabien

Der erste Palast der Königsfamilie Saud in der Ruinenstadt Diriyah wurde jüngst wieder aufgebaut. Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Ort noch bewohnt. Nun endlich wird das Weltkulturerbe geschützt. Von dort aus eroberten vor 250 Jahren die Sauds zum ersten Mal weite Teile der arabischen Halbinsel. Und damals gingen sie die Allianz mit einer besonders strengen Richtung des Islam ein, wurden Wahabiten.

Bis heute regieren ausschließlich Söhne von Abdul Aziz, der 1932 das Königreich Saudi-Arabien ausrief. Öl sprudelte schon damals, doch erst der Boom der vergangenen 40 Jahre katapultierte Saudi-Arabien in die Moderne. Das Land kann sich fast alles leisten und wirkt doch wie gefesselt. Je reicher es wurde, desto unerbittlicher herrschte die Religion.

Gesellschaft in Bewegung

Wenn der Ruf zum Gebet ertönt, schließen jedes Mal die Geschäfte, für 30 Minuten steht das öffentliche Leben still. Es gilt kein weltliches Gesetz, sondern das Gesetz des Koran, die Scharia. Eine Religionspolizei überwacht die Trennung der Geschlechter, gängelt vor allem die Frauen. Khaled Almaeena, Chefredakteur "Arab News", sagt: "Ich nenne es den Missbrauch von Religion. Wenn man Religion wie einen Knüppel nutzt, gibt es keinen Fortschritt. Dann beschädigt man das Land."

Doch nicht nur die "Arab News" ergreifen längst Partei für die Frauen. Stellvertretender Chefredakteur ist eine Frau. Hier arbeiten Frauen und Männer gemeinsam in einem Raum, was noch immer eine Ausnahme ist in Saudi-Arabien. Die Gesellschaft kommt in Bewegung.

"Frauen - mächtigste Kraft des Wandels"

Der greise König Abdullah will Reformen. Doch ein konservativer Hardliner könnte sein Nachfolger werden. Wer also kann der saudischen Gerontokratie Beine machen? Khaled Almaeena meint: "Frauen. Ich denke Frauen sind die mächtigste Kraft des Wandels. Und außerdem die jungen Leute. Ich sehe Facebook, sehe die Kommentare im Internet, sehe, dass bei den Jungen der Geist, sich einzubringen, viel ausgeprägter ist, als in früheren Generationen."

Die Jungen unter 25 stellen fast die Hälfte der saudi-arabischen Gesellschaft. Sie sind meist gut ausgebildet, und doch ist Arbeitslosigkeit kein Fremdwort mehr. Auch Armut nicht. Immer mehr Frauen wollen und müssen mitverdienen, weil auch in Saudi-Arabien der Wohlstand Grenzen hat. "Ich denke, die Reformen haben begonnen, ja", sagt Khaled Almaeena, "aber ich glaube, sie müssen beschleunigt werden, schneller werden, weil das, was in der arabischen Welt geschieht, es notwendig machen, dass die Leute am Entscheidungsprozess teilnehmen und aktive Mitglieder der Gesellschaft sind."

Reformen müssen kommen

Wer auch immer in Saudi-Arabien regiert, laviert zwischen Glaubensstrenge und Liberalisierung. Sollten die Reformen nicht gelingen, könnten Unruhen auch Saudi-Arabien erfassen. Trotz der Milliarden aus dem Öl.

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