Vertreibung aus dem Paradies

Wie Berlin sich verändert

Zwei Schriftsteller hadern mit der "Stadt der Kreativen": Jan Peter Bremer, aus Lüchow-Dannenberg, seit 25 Jahren in Berlin, und Judith Schalansky - sie stammt aus der Nähe von Greifswald, seit 11 Jahren lebt und schreibt sie in Berlin.

Dort boomt der Tourismus, 20 Millionen Übernachtungen waren es in 2010, Tendenz steigend. Vor allem die Billigflieger bringen die Massen in die Partyhauptstadt. Auch der Immobiliensektor boomt. Der Umsatz an Luxus-Eigentumswohnungen ist innerhalb eines Jahres um 84 Prozent gestiegen. "Das was eben so typisch Berlin ist, nämlich ein gewisser Art von Freiraum, Platz für alle, kein Zentrum", sagt Judith Schalansky. "Wir können gerade sehen, wie diese Zeit zu Ende geht."

"Kein sicheres Terrain mehr"

Jan Peter Bremer verlor buchstäblich den Boden unter den Füßen. Eines Tages machte der Kreuzberger eine bedrohliche Entdeckung: Ein Investor hatte sein Haus gekauft, die Wohnung unter ihm wurde saniert und seine eigene sackte plötzlich tiefer. "Man konnte auf einmal ein Matchboxauto runterrollen lassen, in der Badewanne stand das Wasser schief und neben der Gastherme haben sich Risse gebildet", erinnert er sich. "Das war schon ein komisches Gefühl, sich nicht mehr auf ganz sicherem Terrain zu bewegen."

Bremer beschließt, daraus seinen nächsten Roman zu machen, der gerade erschienen ist. Titel: "Der amerikanische Investor" - ein Schriftsteller will darin dem neuen Wohnungseigentümer, dem amerikanischen Finanzmann, seine Notlage schildern, ihm einen Brief schreiben - und verliert sich in seinen Gedanken über den berühmten Investor: "Berlin, hatte der amerikanische Investor so oder ähnlich in dem Interview gesagt, sei eine schöne, traditionsreiche Stadt voller Energie und Entwicklung, in der ein großes Potential stecke. Es sei ihm eine wahre Herzensangelegenheit, hatte der amerikanische Investor gesagt, dazu beitragen zu dürfen, der Stadt wieder zu ihrem früheren Glanz zu verhelfen. Allerdings brauche das viel Geduld, denn eines der ungelösten Probleme Berlins sei, dass, für seine Größe, viel zu wenig Menschen in ihm lebten. Er trat ans Fenster vor und sah auf die vierspurige Straße hinab. Das klang schon fast nach einem Vorwurf. Vielleicht war der Gedanke gar nicht schlecht, den Brief mit dem Versuch zu beginnen, diesen Vorwurf zu entkräften. Doch was sollte er dazu sagen? Seine Schuld zumindest war es nicht, dass zu wenig Menschen in Berlin lebten."

"Touristen-Wohnungen"

Derzeit leben genau 3.460.725 Menschen in Berlin. Judith Schalansky hat weniger mit Einwohnern, sondern mit Touristen ein Problem. Ihre Hausgemeinschaft in Berlin-Mitte existiert nicht mehr, denn nach einer Sanierung waren zuerst Wohnungen frei - und die verwandelten sich in Appartements mit ständig wechselnden, feierlustigen Nachbarn. "Erst war ich ganz erschrocken, dass ich immer Spanisch hörte", erzählt sie, "und dachte, wieso wohnen denn jetzt hier Spanier, interessant, dann Franzosen - und dann dämmerte es mir langsam, was da passiert ist. Und in meinem Haus sind von acht Wohnungen fünf Touristen-Wohnungen, was bedeutet, dass ich in einem Hotel lebe und das wollte ich nie."

Auch Jan Peter Bremer sieht seinen Bezirk plötzlich in eine Art "Themenpark Kreuzberg" verwandelt. Der Schriftsteller selbst wird zum Ausstellungsstück. "Früher waren die Touristen in Kreuzberg auch immer etwas schüchtern. Wenn jetzt nur noch Touristen auf Touristen treffen und die so die Oberhand haben, werden sie ein bisschen frech manchmal: 'Guck mal der da mit dem rattigen Hund und dem Struwelpeterhaarschnitt' - da fühlt man sich dann schon auf eine unangenehme Art und Weise bedrängt."

Mythos der unfertigen Stadt

Judith Schalansky vermisst ein nachhaltiges touristisches Konzept - was passiert, wenn die Party vorbei ist? Noch gibt es zum Beispiel diese Brachflächen mitten in der Stadt. Scheinbar sinnlose Orte, die doch vor allem zeigen: Hier wäre noch Platz. Für Ideen. "Solange es so etwas gibt, gibt es immer diesen Möglichkeitsraum, und das war glaube ich, etwas, weswegen ganz viele Leute hergezogen sind. Sie dachten, da ist was möglich, nicht fertig, das ist ja auch der Mythos der unfertigen Stadt. Deswegen auch die Baustellen, Zeichen, da passiert was. Was im Moment passiert ist so eine Art Ernüchterung - bei einem solchen Ort muss man sich dann das allerunoriginellste vorstellen, das wird dann wahr werden. Bestimmt wird hier irgendein Einkaufszentrum gebaut."

"Lebendige Stadt" stellt sich Schalansky anders vor als eine Aneinanderreihung beliebiger "Townhouses", wie sie in den letzten Jahren zuhauf in Berlin entstanden sind. Die Schriftstellerin hat ihre Wohnung gekündigt. Kein Platz mehr für Kreative in der Mitte der Hauptstadt? Jan Peter Bremer immerhin hat in Kreuzberg noch das Tempelhofer Feld, den ehemaligen Flughafen - genug Raum für Einheimische UND Touristen. Ein Lichtblick, denn bisher gibt es keine konkreten Bauprojekte. Nicht mal einen amerikanischen Investor.

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