Vom Todesstreifen zum Erlebnispark

Der besondere Charme des Berliner Mauerparks

Wird ein Ort erst mal im Reiseführer als besonders cool angepriesen, darf man getrost davon ausgehen, dass es mit der Coolness schon lange vorbei ist. Das gilt auch für den Berliner Mauerpark.

Unter der Woche dient die Freifläche als beliebtes Hundeklo, am Wochenende verwandelt sich der ehemalige Todesstreifen zur Partymeile mit alternativem Anstrich. Und doch: Trotz allen Rummels gibt es wohl keinen zweiten Ort in Berlin, an dem der kreative Geist der Nachwendezeit so konserviert wurde wie hier.

Ein Mythos war geboren

Nun feiert ein Dokumentarfilm die Rebellen vom Prenzlauer Berg. Oder das, was von ihnen übrig blieb. "Berlin war, als die Mauer gefallen ist, eine Stadt voller Freiheit", sagt Regisseur Dennis Karsten. "Es hat sich sehr viel bewegt, es wurden Häuser besetzt, es hat sich eine alternative Kultur gebildet, aus ganz Deutschland, aus ganz Europa sind die Leute nach Berlin gekommen." Sie waren es, die den ehemaligen Grenzstreifen in Besitz nahmen. Aus einer Zone des Todes wurde ein Ort unbezähmbaren Lebenswillens. Der Mythos Mauerpark war geboren.

Bis heute ein Ort einmaliger Artenvielfalt: Dabei ist der Mauerpark weder besonders schön, noch besonders groß. Es gibt keine Mauer. Und auch die Bezeichnung Park ist eine geradezu unverschämte Übertreibung. Alles in allem also eine typische Berliner Sehenswürdigkeit. Auf welch historisch vermintem Gebiet hier Sonntag für Sonntag gefeiert wird, ahnen wohl nur noch die Wenigsten. Wo einst scharf geschossen wurde, tobt längst wieder das Leben.

Vorgarten der Besserverdienenden?

Sonntag für Sonntag feiern hier rund 45.000 Menschen, versuchen sich im Karaoke oder schieben sich über Berlins beliebtesten Flohmarkt. An die bescheidenen Anfänge des Parks erinnert sich Heiner Funken von der "Stiftung Mauerpark": "Es ist hier ein Autobahnzubringer geplant worden. Unter dem Motto: Wir haben hier eine schöne große Schneise, da müssen wir nicht viel entmieten und viele Nachbarn fragen, da können wir ja einen Autobahnzubringer machen. Die Berliner haben sich das aber damals schon ganz anders vorgestellt, speziell die Prenzlberger haben sofort in dieser Brache, noch während die Türme standen, angefangen, Park zu spielen. Die sind unter der Woche mit dem Handtuch gekommen, haben sich da hingelegt, gegrillt und haben auch angefangen Tausende von Sonnenblumen zu pflanzen."

Ironie der Geschichte: Wo einst die Mauer stand, verwehrt nun ein Zaun den Übergang in den gar nicht so goldenen Westen. Der Park wurde nämlich nur auf der Ostseite fertig gestellt. Die Brachflächen im Westen gehören mittlerweile einer Immobiliengesellschaft. Die will der Stadt zwar einen Teil der Flächen übertragen, aber nur unter der Bedingung, auf dem Rest hochwertige Wohnblöcke bauen zu dürfen. Damit würde der Park wohl endgültig zum Vorgarten der Besserverdienenden, fürchtet der Alexander Puell vom Verein "Freunde des Mauerparks": "Wenn wir den Druck hier erhöhen und es den Jugendlichen, den Gästen nicht mehr gut geht, frag ich mich, wofür Berlin eigentlich noch stehen möchte. Klar, es gibt ein neues Berlin. Es gibt den Potsdamer Platz, aber das ist nicht das Berlin, das ich mag, und was viele Menschen mögen, die hier herkommen."

Höchstmieten auf Mauerstreifen

Auch auf dem einstigen Mauerstreifen an der nahen Bernauer Straße stehen heute luxuriöse Townhouses. Den Hausbesetzern folgten die Immobilienspekulanten. Und so wurden auch im Prenzlauer Berg, einst berühmt als Künstler-Bohème, die Kreativen verdrängt. Nach der Sanierung wurden die Mieten unbezahlbar. So wurde der Mauerpark zum letzten Freiraum alternativen Lebens. Sollten die Baupläne der Investoren verwirklicht werden, wird auch diese Bastion geschleift. Einstweilen aber feiert der Film noch den rebellischen Geist des Mauerparks. Es könnte ein Abgesang sein.

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