Von der Diktatur adoptiert

Ein Leben bei den Mördern der Eltern: Die Biografien geraubter Kinder

Acht Menschen erzählen in dem Buch "Paula du bist Laura!" ihre Lebensgeschichte, die sie selbst erst seit kurzem kennen - aufgezeichnet von der argentinischen Journalistin Analía Argento. Die Lektüre macht sprachlos.

Zur Zeit der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) werden sie als Babys ihren Eltern entrissen und von Familien der argentinischen Militärjunta aufgezogen. Erst nach Jahren und Jahrzehnten erfahren sie, wer sie wirklich sind. Ungefähr 500 Neugeborene und Kleinkinder ereilt dieses Schicksal.

Der Gesinnung der Eltern entzogen

Ziel des Regimes ist es, die Folgegeneration von der "marxistischen Vergiftung ihrer Eltern" zu säubern. Zu dieser Zeit verschwinden in Argentinien über 30.000 Menschen. Heute weiß man, dass sie aufgrund ihrer politischen Orientierung systematisch verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Ihre Kleinkinder und neugeborenen Säuglinge überlebten, ohne von ihrer Herkunft zu wissen. Der Kindesraub ist eines der perfidesten Verbrechen der Militärjunta Jorge Videlas, dem damaligen Präsidenten Argentiniens.

Die "Großmütter der Plaza de Mayo" gründen sich schon während der Diktatur und sind bis heute maßgeblich an der Suche der verschollenen Enkelkinder beteiligt. Bis heute haben die Großmütter 102 der geraubten Kinder gefunden. Rund 400 wissen heute noch nicht, dass sie Kinder von Verschollenen sind. Sie leben in der trügerischen Gewissheit, ihre Eltern, ja sich selbst zu kennen. Einige von ihnen wollen auch die Wahrheit gar nicht erfahren. Dennoch, immer mehr Kinder wissen von ihrer wahren Identität. Für viele der Betroffenen ist es ein qualvoller, langwieriger Weg zur Wahrheit. Oft dauert es Jahre, bis sie Gewissheit haben.

Verdrängung der wahren Identität

Das Schicksal von Simón ist eines der acht, von denen die Journalistin Analiá Argento berichtet. Seine Mutter Sara Mendez, eine Uruguayerin, heute eine bekannte Menschenrechtlerin, lebt zur Zeit der Diktatur im Untergrund in Buenos Aires. Sie ist Lehrerin und engagiert sich im politischen Widerstand. Im Jahre 1976, einen Tag nach der Entbindung, wird sie verschleppt, in Gefangenschaft genommen und nach Uruguay überführt. Ihr Säugling wird vor einem Krankenhaus ausgesetzt und von einer Militärsfamilie aufgezogen. Seine Mutter Sara überlebt Gefangenschaft und Folter und wird 1981 frei gelassen.

Nach unglaublichen Anstrengungen und jahrelangen Nachforschungen, findet sie im Jahre 2002 ihren Sohn Simón in Uruguay. Er ist ein Mann geworden und sträubt sich zunächst vehement gegen die für ihn neue Identität. Schon früher hatte er alle Anzeichen, die auf einen eventuellen Kindesraub hingewiesen haben, erfolgreich verdrängt.

Geburt im Folterzentrum

Dennoch trifft Simón einige Wochen später seine Mutter. Er kennt sie nicht und ist unfähig, etwas zu empfinden. Seinen Geburtstag feiert er von nun an zwei Mal - an unterschiedlichen Tagen mit verschiedenen Familien. Er führt ein Doppelleben und schafft es lange Zeit nicht, die alten Puzzleteile seiner Identität mit den neuen zu vereinen. 2003 heiratet er seine langjährige Freundin und beschließt, seine zerrissene Gefühlswelt nicht mehr mitzuteilen - weder seinen Familien noch der Öffentlichkeit. Die einzige Vertraute ist und bleibt seine Frau.

Auch Victoria Donda ist ein Kind von Verschollenen. Ihre jungen Eltern gehen zur Zeit der Militärdiktatur in Argentinien in den Widerstand und treten 1974 der revolutionären Montoneros-Bewegung bei. Ihre Mutter, María Hilda, wird in Buenos Aires auf offener Straße am 28. März 1977 von Militärs festgenommen. Damals ist sie im fünften Monat schwanger. Einige Monate später bringt María Hilda in der Militärschule ESMA, die in ein Folterzentrum umgewandelt wurde, unter entwürdigenden Bedingungen ihre zweite Tochter zur Welt.

Ein rebellisches Kind

Die kleine Victoria wird ihr gleich nach der Entbindung entrissen und von einer Militärsfamilie adoptiert. Es gibt noch ein weiteres Kind in Familie. Die ähnlichen Geburtsdaten der beiden werden, um kein Misstrauen zu erregen, vertuscht. Victoria ist von nun an zwei Jahre jünger. Analía, so wird Victoria von nun an genannt, ist ein rebellisches Kind. Schon früh wird sie politisch aktiv und zeigt ihr soziales Engagement. Als Studentin schreibt Analía für eine Zeitschrift der juristischen Fakultät über Menschenrechte und nimmt an Protestmärschen gegen die Militärverbrecher der Diktatur von 1967-1983 teil. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie nicht, dass auch sie ein Opfer der kaltblütigen Verbrechen ist.

Im Jahre 2003 erfährt Analía von Victorias Geschichte, entdeckt: Sie ist das Kind der verschollenen Widerstandskämpfer María Hilda Pérez und José María Donda. Sie ist nicht 24, sondern 26 Jahre alt und heißt eigentlich Victoria. Diesen Namen gab ihr ihre leibliche Mutter. Victoria erfährt, dass ihr eigener Onkel für den Geheimdienst der Militärjunta gearbeitet hat, im Folterzentrum eine leitende Position innehatte und ihren Vater - seinen eigenen Bruder - und dessen Frau nicht vor der Folter bewahrte.

Die Wahrheit muss ans Licht

Bevor Victoria selbst diese schmerzliche Wahrheit verarbeiten kann, wird ihre Lebensgeschichte publik und in der Öffentlichkeit diskutiert. Am 19. Dezember 2007 wird 'La Donda', wie sie heute genannt wird, als erste wiedergefundene Enkelin ins argentinische Abgeordnetenhaus gewählt.

Die acht bewegenden Schicksale der Kinder von Verschollenen, von denen Argento in ihrem Buch erzählt, stellen ein finsteres, bis heute nicht bewältigtes Kapitel Argentiniens dar. Die Geschichten zeigen, dass es beim Prozess der historischen Aufarbeitung vor allem um eines gehen muss: die Wahrheitsfindung. Dieser Weg zur Wahrheit scheint für ganz Argentinien ähnlich schwer und schmerzvoll zu sein, wie der Weg der einst geraubten Kinder zu ihrer neuen Identität.

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