Von Sinnsuche und Gewalt

Das Leben ist nichts weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob. Pierre Anton klettert auf einen Baum und verspottet die anderen. Janne Teller, dänische Autorin von "Nichts", erläutert die Ausgangslage ihres Romans: "Es gibt sehr viele Jugendliche und auch Erwachsene in dieser Welt, die oberflächlich gesehen, alles haben. Aber irgendwie verliert sich der Sinn. Pierre Anton zieht einfach die Konsequenz daraus. Er ist sehr intelligent auf eine Art und glaubt einfach nicht, dass irgendjemand eine Bedeutung zu bieten hat."

Berg aus Bedeutung

"Nichts. Was im Leben wichtig ist" - so der vollständige Titel des Buches - verhandelt nichts Geringeres als unser aller Sehnsucht nach Bedeutung. Damit hat Janne Teller weit mehr als ein Jugendbuch verfasst. Unmittelbar und literarisch herausragend schreibt Teller darüber, wie weit Menschen zu gehen bereit sind - aus Angst vor der großen unaussprechlichen Leere.

Die anderen Jugendlichen treten an, Pierre Anton das Gegenteil zu beweisen. Sie beschließen, in einem alten Sägewerk Dinge zu sammeln, die ihnen wichtig sind und wollen sie auftürmen zu einem Berg aus Bedeutung. Das Projekt beginnt zunächst harmlos: Elises alte Lieblings-Puppe, Hans' Fahrrad, Dames' Tagebuch, Agnes' neue Sandalen und sogar Gerdas Hamster landen auf dem Berg. Alles, um den Nihilisten Pierre Anton vom Baum zu holen. "Im Grunde haben sie große Angst, dass er recht haben könnte", sagt Janne Teller. "Wenn er sagt: Am Menschsein ist nichts besonderes, wir haben fast dieselbe DNA wie Schimpansen, dasselbe Gehirn, dann schafft er es damit, ihnen den Sinn zu nehmen, weil sie selbst bereits Zweifel haben."

Sinn-Fragen gehören in die Schule

Plötzlich geht es um alles oder nichts. Jeder darf vom nächsten verlangen, was er Kostbares opfern muss. Der gläubige Hussein liefert seinen Gebetsteppich, der fromme Kai das Kreuz aus der Kirche. Rosa, die kein Blut sehen kann, muss einen Hund umbringen. Die unantastbare Sofie opfert tatsächlich ihre Unschuld. Am nächsten Tag ist sie kalt wie Eis - und fordert den Zeigefinger von Johann, weil der Gitarre spielt. "Wenn du etwas aufgeben musstest, was besonders schmerzhaft für dich war, dann musst du daran festhalten, dass das auch Sinn gemacht hat! So werden die Kinder langsam fanatisch mit ihrem Projekt", so Janne Teller. "Das ist wie bei Gruppen von Leuten, die etwas Schreckliches getan haben, weil sie dachten, es ist nun mal das Richtige. Dann müssen sie sich später immer wieder vergewissern, dass es auch wirklich richtig war."

Janne Tellers Parabel hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Als ihr Buch vor zehn Jahren in Dänemark erschien, liefen Lehrer Sturm, weil sie Angst hatten, es vermittle Jugendlichen Sinnlosigkeit. Pastoren argumentierten, Schüler sollten in Sachen Bedeutung doch bitte die Kirche konsultieren. Doch mittlerweile ist "Nichts" zum Klassiker geworden, wird in Abiturprüfungen und sogar im Konfirmandenunterricht behandelt. Die Fragen nach Sinn und Bedeutung gehören gerade in die Schule, sagt Janne Teller. "Die Schüler werden allein gelassen. Nicht aus böser Absicht der Lehrer oder so, aber vielleicht, weil wir selber nicht wissen, wie wir diesen Fragen begegnen sollen", meint die Autorin. "So glauben wir, Kindern Sinn zu vermitteln, indem wir sagen, das und das bedeutet etwas. Anstatt Fragen zuzulassen, auf die wir nun mal keine Antwort haben - was das Leben für mich gerade interessant macht."

Philosophische Fragen in großer Klarheit

Am Ende des Romans kommt es zum Äußersten. Eltern, Polizei und Weltpresse sind entsetzt und fasziniert zugleich. Ein berühmtes Kunstmuseum in New York bietet gar einen Millionenbetrag für den Berg aus Bedeutung. Doch darf man die Suche nach Sinn für Geld hergeben? Die Kinder scheinen am Ende einer Antwort nah, doch ihre Taten überschatten alles. Janne Teller schafft es, die elementaren philosophischen Fragen ungewöhnlich klar in diese Geschichte zu verpacken. Und vielleicht ist das ausgerechnet nur in einem Jugendbuch möglich.

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