Wahrheit und Legende

Albert Schweitzer in neuem Licht

Der gütige Onkel mit Tropenhelm - das ist der Held Albert Schweitzer. Der selbstlose Arzt widmet sein Leben afrikanischen Kranken in Gabun. Er predigt die "Ehrfurcht vor dem Leben" und wird für seine Tatkraft gefeiert und geehrt, 1952 gar mit dem Friedensnobelpreis. Im Kino ist ab Weihnachten seine Lebensgeschichte zu sehen. Auch wenn der Film "Albert Schweitzer" äußerst märchenhaft daherkommt: Diesen Menschen gab es tatsächlich.

Albert Schweitzer in Lambarene
Albert Schweitzer in Lambarene Quelle: dpa

Den radikalen Schritt, nach Lambarene zu gehen, wagte der Elsässer Pfarrerssohn im Jahr 1913. Damals erforderte das Mut, wie Schweitzer-Biograf Nils Ole Oermann weiß: "Das ist ja anders als im Jahre 2009, wo man sich in ein Flugzeug setzt und acht Stunden später in Gabun ist. Der kommt in ein Land mit einer enormen Sterblichkeit, wegen Malaria, Schlafkrankheit und so weiter, wusste also gar nicht, ob er lebend zurückkommt."

Aber nicht nur das. Vor Afrika promoviert Schweitzer auch noch als Philosoph und Theologe, verfasst wichtige Schriften über das Leben Jesu und Paulus'. Er predigt, unterrichtet und veröffentlicht ein erfolgreiches Buch über Johann Sebastian Bach. Auch spielt er Orgel - auf Weltniveau. Dann, im Alter von bereits 30 Jahren, beginnt er noch mal ein Studium - das der Medizin. Ein Arbeitspensum, bei dem einem schwindelig wird, so Nils Ole Oermann: "Wenn er Bücher schreibt, stellt er seine Füße in einen Metallbottich mit Wasser um nicht einzuschlafen und arbeitet dann weiter an seinen Geschichten."

Heiligen-Legende - mit Schwächen

Mit dem neuen Kinofilm sind auch gleich zwei Bücher erschienen: Friedrich Schorlemmer strickt weiter an der Heiligen-Legende, aber der Historiker Nils Ole Oermann belegt zum ersten Mal im Detail, welche Widersprüche beim Menschen Schweitzer zu entdecken sind. Schweitzer gebiert sich in Lambarene als Patriarch, der sich seinen Patienten durchaus kulturell überlegen fühlt. Er sei ihr Bruder, aber eben der ältere. Zeitlebens muss er außerdem gegen seinen Jähzorn ankämpfen.

Albert Schweitzer-Biograf Nils Ole Oermann im Gespräch

Gegenüber Afrikanern rutscht ihm auch schon mal die Hand aus. "Er sagte mal zu seiner Tochter Rhena, er sei ein Mensch mit allen Schwächen und wollte auch genau so wahrgenommen werden", so Oermann. "Und das macht ihn ja auch gerade erst menschlich. Eine Biografie, in der ich das weglasse und versuche, das Bild zu glätten - da stimmt was nicht, denn kein Leben ist so."

Politisch ein Rätsel

Schweitzers Frau Helene leidet an Tuberkulose und kann ihn später nicht mehr nach Afrika begleiten. Seine Tochter Rhena sieht ihren Vater im heimischen Schwarzwald nur selten. Erst als erwachsene Frau kommt sie nach Lambarene. Jeroen Krabbé, der Schweitzer im Film darstellt, sagt: "In seinem Privatleben ist er gescheitert. Er hat seine Ehe ruiniert und auch das Leben seiner Tochter. Im Privaten hat er also seine Familie geopfert - für das große Werk, das er so schaffen konnte."

Auch Schweitzers politisches Gebaren bleibt zum Teil rätselhaft - zum Beispiel sein Verhältnis zur DDR. Er akzeptiert offenbar, vom sozialistischen deutschen Staat für die Imagepflege benutzt zu werden und empfängt ausgerechnet den Ost-CDU Mann Gerald Götting mit Bürgerrechtler Robert Havemann. Er korrespondiert mit der DDR-Führung und gibt sein Konterfei für Ost-Briefmarken her. Dafür erhält er Medikamentenspenden und Unterstützung im Kampf für atomare Abrüstung.

Kompromisse und Fehler

"Was erstaunt, ist, wie offen und freundlich er sich gegenüber einem Staat äußert, der auf Bürger, die seine Landesgrenzen verlassen, schießt", so Oermann. "Wie passt das zusammen mit der Ehrfurcht vor dem Leben? Wenn man sich dann die Briefmarken anschaut, für die Schweitzer noch dem Postminister der DDR geschrieben hat und sich bedankt hat: Wie gut er getroffen sei auf den Bildern! Und da steht drauf: 'Dem Arzt, Humanist und Friedensfreund'. Natürlich steht da nicht drauf 'Theologe' oder 'Pfarrer', denn das hätte ja gar nicht ins System gepasst."

Schweitzer ist eben nicht nur die gradlinige Erfolgsgeschichte, als die sein Leben heute scheint. Auch er hat Kompromisse gemacht - und Fehler. Doch gerade da, wo er seinen eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht werden kann, rückt er näher. Dieser Mann war auch nur ein Mensch - aber: ein ganz großer.

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