Warum sie heute noch fasziniert: Hannelore Kohl

Mehr als eine Kanzlergattin

Über Hannelore Kohl sind viele Witze gemacht worden. In Wirklichkeit aber war sie keineswegs die "Blöde Barbie aus der Pfalz", als die sie von den Gegnern ihres Mannes oft verspottet wurde. Sie war eine äußerst selbstbewusste und spontane, weltoffene und warmherzige Frau. Jedenfalls hat der Fotograf Helmut R.Schulze sie über Jahre so erlebt, bei zahllosen Auslandsreisen, Besuchen in Oggersheim oder Fototerminen in Bonn.

Ein Foto von Schulze zeigt Hannelore Kohl während eines Staatsbesuchs in den USA. Außerprotokollarisch hat sie den Wagen halten lassen, im Parkverbot. Der Polizist wollte sie eigentlich vertreiben. "Bevor der CIA-Mann was sagen konnte, zückte sie die Zigarette raus und bietet ihm eine Zigarette an", erinnert sich Helmut R. Schulze. "Beide haben dann eine Zigarette geraucht und sich fast eine Viertelstunde unterhalten. Es war immer irgendetwas, das man von ihr nicht erwartete."

"Sie ging auf die Menschen zu"

Fotograf Herbert R.Schulze war einer der wenigen Journalisten, denen Hannelore Kohl stets vertraute. "Sie war in vielen Situation in Washington - oder wo auch immer sie war - ein Eisbrecher", sagt Schulze. "Sie konnte eine Atmosphäre total für sich gewinnen. Die Menschen für sich gewinnen, weil sie auf sie zuging. Völlig unkonventionell." Zum 10. Todestag hat Schulze nun einen Fotoband herausgegeben - zusammen mit Hannelores ältestem Sohn Walter. So wollen ihre Kinder das Andenken der Mutter bewahren. "Sie war eine Frau, die ein großes Herz hatte, eine Frau mit sehr viel Disziplin, die einen Charakter hatte wie ein Kamerad, die ein zuverlässiger Kamerad war", sagt Walter Kohl. "Die natürlich ihre Widersprüche, ihre biographischen Brüche hatte, die auch an dem zerbrochen ist - die ein Kind ihrer Zeit war, aber letztlich unsere Mutter."

Gerade ist aber noch ein anderes Buch erschienen - über das ist die Familie Kohl empört. Eine Biografie, geschrieben von dem Journalisten Heribert Schwan, die sofort auf Platz eins der Bestsellerliste landete. Schwan enthüllt Dinge, die Hannelore Kohl zu Lebzeiten nicht veröffentlicht sehen wollte: Ihr Ur-Trauma. Das jähe Ende ihrer Kindheit, als sie nach dem Krieg mit ihrer Mutter vor der russischen Armee aus Mitteldeutschland fliehen musste. In einer der Markus Lanz-Talkshow am 14.6.2011 erzählt Schwan: "Die zwölfjährige Hannelore Kohl ist von russischen Soldaten vergewaltigt worden. Das hat sie mir selber erzählt."

"Vertrauensbruch"

Schwan hat Hannelore Kohls Vertrauen gewonnen, als er ihrem Mann half, seine Memoiren zu schreiben. Aber hat sie Schwan auch erlaubt, ihr Geheimnis preiszugeben? Sohn Walter Kohl glaubt das nicht: "Ich weiß, das meine Mutter diese Kriegserfahrungen nicht öffentlich machen will und auch nicht öffentlich machen wollte. Ich finde es schlicht unerträglich, dass Herr Dr. Schwan sich diese Rolle anmaßt und es ist aus meiner Sicht ein glatter Vertrauensbruch gegenüber meiner Mutter. Kurz gesagt: Wenn meine Mutter das wüsste, würde sie sich im Grabe umdrehen." Auch Helmut Kohl hat sich zu Wort gemeldet. Geschmacklos nennt er die Zurschaustellung und Vermarktung seines Privatlebens. Gerne hätten wir Heribert Schwan zu diesen Vorwürfen befragt, aber er ließ das Interview in letzter Minute platzen. Begründung: Er wolle nicht in einem Beitrag mit Walter Kohl vorkommen.

Man könnte Schwan zugute halten, dass seine Indiskretion ja eine öffentliche Person betrifft, eine Person der Zeitgeschichte. Ist die Enthüllung dadurch gerechtfertigt? Der Journalist Heribert Prantl verneint: "Man ist nicht Person der Zeitgeschichte bis zurück zur Geburt. Sie war Kanzlergattin. Was sie in der Zeit gemacht hat, wie sie mit ihrem Ehemann aufgetreten ist - all das ist Leben einer Person der Zeitgeschichte. Aber nicht, was einem zwölfjährigen Mädchen passiert ist, die damals nicht Kohl sonder Renner hieß. Hier mit dem Argument zu kommen, sie sei Kanzlergattin und weil sie Kanzlergattin war, sei ihr ganzes Leben gemeinfrei - das wäre eine falsche Sicht."

Kindheitstrauma

Doch Heribert Schwan geht noch weiter: Auch den Selbstmord von Hannelore Kohl will er mit ihrem Kindheitstrauma erklären. Auslöser sei die Spendenaffäre gewesen. Hannelore Kohl habe das Gefühl gehabt, für etwas geächtet zu werden, für das sie nicht verantwortlich war. Das habe sie an ihre Erfahrungen als Flüchtlingskind erinnert. Damit sei das Kindheitstrauma wieder aufgebrochen. Auch für ihre Lichtallergie, die sie gezwungen hat, im Dunkeln zu leben, hat Heribert Schwan eine Erklärung: In Wahrheit sei Hannelore Kohl depressiv gewesen, verbunden mit der Wahnvorstellung, sie könne kein Licht mehr vertragen, schreibt er in seinem Buch.

"Wenn sie mein Buch lesen, da steht das ja alles explizit drin", sagt Walter Kohl. "Ich schreibe, dass meine Mutter sehr belastet war durch die Spendenaffäre, dass es eine sehr starke psychosomatische Kompontente in ihrer Krankheit gab und dass ihr Tod sicherlich eine Kombination von Ursachen hat. Auch an dieser Stelle hat Herr Dr. Schwan keine neuen Erkenntnisse, er hat sie aber in einer krawallartigen Art zusammengefasst." Erbittert wird also darüber gestritten, wer das Bild von Hannelore Kohl bestimmen darf.

"Gier und Neugier sind groß"

Doch woher kommt das große Interesse an dem Schicksal dieser Frau? Zehn Jahre nach ihrem Tod beschäftigt sie die Öffentlichkeit mehr, als zu Lebzeiten. "Es gibt sicherlich viel Mitleid dieser Frau", so Heribert Prantl. "Und dann schwingt als zweites, glaube ich, mit: Je mehr Mitleid man mit dieser Frau haben darf, um so schlechter steht Helmut Kohl da. Es gibt Vorurteile über Helmut Kohl und nun ist die Gier und die Neugier groß, sich all das bestätigen und noch ausmalen zu lassen."

Das Leben der Hannelore Kohl: Haltung wahren, Lächeln, auch wenn einem zum Heulen zumute war. Dieses Bild hat sie als Kanzlergattin perfektioniert. Aber es gab sie tatsächlich, die fröhliche, lebensfrohe Hannelore Kohl. Sie konnte es nur so selten zeigen.

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