Was Sie schon immer über Island wissen wollten

... erklärt Halldor Gudmundsson

Island ist das Land der Multifunktionalisten. Jeder kann fast alles und fast jeder Isländer ist ein Künstler. Allein für das Wort Wind kennen die traditionsreichen Sagenerzähler auch heute noch 100 verschiedene Wörter. Klein, aber oho! Halldor Gudmundsson hat als Verleger über 3.000 Titel veröffentlicht, sechs eigene Bücher geschrieben und vertritt sein Land als "Herr der Bücher" in Frankfurt. Halldor erklärt uns, was wir schon immer über Island wissen wollten.

Halldor Gudmundsson in der gerade eingeweihten Konzerthalle "Harpa" in Reykjavik
Halldor Gudmundsson in der gerade eingeweihten Konzerthalle "Harpa" in Reykjavik Quelle: ZDF

Selbst für ihn ist ein Flug über den Vulkan ein Wagnis. Halldor Gudmundsson, Herr der Bücher, Chef-Botschafter der isländischen Literatur. Er zeigt uns als erstes die bekanntesten Exportschlager seiner Heimat: Feuer, Asche und absolut unaussprechliche Namen. Gut ein Jahr nach seinem spektakulären Ausbruch, nachdem der Vulkan ganz Europa lahmgelegt hatte, qualmt der Eyjafjallajökull noch immer. Wer weiß, wer der Nächste sein wird, meint Halldor.

Verrückt nach Kultur

Von oben wirkt die Reykjavik wie eine moderne Großstadt. Dabei hat ganz Island so viele Einwohner wie Bielefeld. Doch die dreihunderttausend Wikinger-Nachfahren haben immer etwas zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte ihrer gerade eingeweihten Konzerthalle. Harpa heißt sie, benannt nach einem Vulkan und fast so groß wie die Berliner Philharmonie. "Das ist Teil des großen Markts", sagt Halldor Gudmundsson. "Schon von außen ist das ein Riesending. Und wenn die Isländer endlich eine Konzerthalle bauen, dann ist sie gleich eine der größten Nordeuropas."

Die Isländer sind geradezu verrückt nach Kultur. Dafür riskieren sie Kopf und Kragen. Finanzkrise hin oder her. Ihre überdimensionierte Konzerthalle ist in den Boomjahren auf Pump gebaut worden, schließlich sind die Chinesen als Investoren eingesprungen. An diesem Abend tritt eine einheimische Bigband gemeinsam mit Drummerlegende Toni Allen aus Nigeria auf, um mal so richtig einzuheizen. Typisch Isländisch. Man probiert aus, was gefällt.

Geschichten statt Erklärungen

Am nächsten Morgen sind wir im Hafen verabredet, in Islands größtem Buchlager. Über drei Millionen neue Exemplare einheimischer Literatur lagern hier. Das ist Weltrekordverdächtig. Die Isländer sind richtige Lesenarren. Allein Verleger Halldor hat in seinen zwanzig Berufsjahren dreitausend Titel herausgegeben, sechs eigene Bücher geschrieben und ist nun oberster Repräsentant seines Landes auf der Frankfurter Buchmesse. Isländisch ist für ihn das Latein des Nordens.

Der Jaguar von Halldor Laxness vor dem Laxness-Museum
Der Jaguar von Halldor Laxness

Gute Geschichten bedeuten ihm alles. "Wenn dem Isländer eine schwierige Frage gestellt wird - über den Sinn des Lebens und worauf alles hinausläuft - dann fängt er immer damit an, zu antworten: 'Ja, ich hatte mal einen Onkel. Ihm ist Folgendes passiert ...' Vielleicht gibt es das bei 'primitiven Völkern'. Anstatt sich abstrakt mit einer Frage zu beschäftigen, erzählt man eine Geschichte darüber."

Kraftzentrum Garage

Der berühmteste Geschichtenerzähler der Neuzeit heißt Halldor Laxness. Ein Bürgersohn, Katholik, Kommunist und Kind des 20. Jahrhunderts. Auch er steht in der Tradition der alten Sagenerzähler. 1902 Geboren, erschrieb er sich mit seinen Romanen über die Sorgen der kleinen Leute ein großes Haus, dazu einen passenden Jaguar und 1955 gar den Nobelpreis. Laxness litt an einer berufstypischen Krankheit: Graphomanie. "Das ist der unabwendbare Drang, zu schreiben - koste es, was es wolle", erklärt Gudmundsson. "Das ist die Schreibwut. Eigentlich ist es nicht anders zu beschreiben als mit dem, was ihm passiert ist: Schon mit 12, 13 kann Laxness nichts anderes mit seinem leben anfangen als zu schreiben."

In einer der Kreativwerkstätten Islands: Halldor Gudmundsson mit einer Band in einer Garage.
Halldor Gudmundsson in Garage

Schriftsteller werden in Island verehrt. Laxness' Haus ist längst ein Museum. Den Jaguar mit dem Kennzeichen G 145 kennt jedes Kind. Als Halldor die Erlaubnis erhält, das Heiligtum des Nobelpreisträgers aus dem Jahre 1968 selbst zu fahren, ist er furchtbar aufgeregt. Eine echte Premiere. Es stimmt also doch: Bücher können die Welt ein wenig verändern. Und so manchen Jungentraum erfüllen. In Island kennt fast jeder jeden. Das ist nicht immer angenehm. Die Winter sind dunkel, im Sommer bleibt es 24 Stunden hell. Am Abend zeigt uns Halldor, die wirklichen Kreativwerkstätten des kleinen Landes. Garagen. Richtig, Garagen sind die heimlichen Kraftzentren der Isländer.

"Seine Sache machen"

Ob Tanz auf dem Vulkan, Schuldenkrise oder lausige Island-Tiefs: Macht die Garagentür zu, trotzt mit ein paar Freunden den Unbilden des Lebens. Kennt jemand eine gute Geschichte? Dann erzähle sie, vielleicht hört jemand zu. "Ich glaube auch, es gibt mehr Autoren und Bücher als Leser", sagt Gudmundsson. "Und es gehört zur Kreativität, dass man sich nicht unbedingt über die Zuhörer Sorgen macht oder über die Anzahl der Leser. Sondern dass man seine eigene Sache macht und seine Kreativität ausnutzt und dann sieht, wer zuhören oder lesen will."

Nur eine Regel ist den Isländern heilig. Lass Dir eine gute Geschichte niemals von der Wahrheit kaputt machen. Niemals. Das wäre nun wirklich eine Todsünde.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet