Weltkarriere eines Hackers

Exklusiv-Interview mit Wikileaks-Gründer Julian Assange

Der Australier Julian Assange ist eine der umstrittensten Personen unserer Gegenwart. Für die einen ist er eine Lichtgestalt - ein Internet-Revolutionär, der die Machenschaften der Mächtigen enttarnt. Für die anderen ist er ein Paranoiker und ein gefährlicher Internet-Terrorist, der dringend hinter Gitter gehört. Jetzt hat der Mann, der durch seine Enthüllungen die Weltmacht USA bloßstellte, dem ZDF ein Exklusiv-Interview gewährt.

Den Mann, der die Weltmacht USA blamierte, treffen wir in einem "Bed & Breakfast" in Südostengland - nahe Ellingham Hall, wo er letztes Jahr Unterschlupf fand. Bedingungen für das Interview: keine Fragen zu seinem Vergewaltigungsprozess in Schweden, keine Fragen zu seinem abtrünnigen Weggefährten Domscheit-Berg.

"Abenteuerlust und Neugier" am Anfang

Reden will Assange nur über das Buch "Underground", dessen Ko-Autor er ist. Thema: die Hackerszene der achtziger und neunziger Jahre - Assanges Jugendzeit. "Es war eine einzigartige Welt, an der ich Teil hatte, und ich wollte sie zeigen", sagt Assange. "Ich war stolz darauf, was wir getan haben als eine internationale Gemeinschaft junger Leute. Wir waren an vorderster Front, bevor das Internet seinen Siegeszug in der Bevölkerung antrat, bevor es für jeden zugänglich wurde. Damals hatten nur Militärs und Wissenschaftler Zugang."

Julian Assange im Exklusiv-Interview

Ende der achtziger Jahre im australischen Melbourne: In kleinen Einfamilienhäusern saßen Jugendliche an ihren Computern und wählten sich ins Internet ein. Damals war das noch iIllegal. Einer von ihnen war Mendax, der Deckname von Julian Assange. Das bestätigt er zwar nicht, aber er dementiert es auch nicht. Die Jugendlichen hackten Großrechner von Universitäten, Hightechfirmen und Banken. Niemand war vor ihnen sicher, nicht einmal die Nasa. Mit einem Wurm legten sie für einige Tage die ganze Raumfahrtbehörde lahm. Doch wie politisch motiviert waren die Taten der ersten Hacker? "Die Mehrheit war nicht politisch motiviert", sagt Assange. "Sie war angetrieben von Abenteuerlust und Neugier. Aber unsere Gruppe war politischer. Nicht im Sinne von rechts oder links. Aber im Sinne einer Politik des Verstehen. Es ging darum, herauszufinden, wie die Mächtigen im Verborgenen funktionieren."

Süchtig nach dem Innersten der Macht

Die Hacker waren Anarchisten. Sie forderten freien Zugang zu Daten und absolute Transparenz. Der Kernsatz ihres Weltbildes: "Informationen müssen frei sein". Das ist die ideologische Verbindung zu Wikileaks. Assange drückt es so aus: "Wir fordern transparente Regierungen, nicht den gläsernen Menschen." Gläsern allerdings ist Assange in dem Buch. Man erfährt, dass er als Kind mit seiner Mutter ständig auf der Flucht war vor einem gewalttätigen Stiefvater. Vor allem lernt man viel darüber, wie obsessiv Assange und seine Mithacker waren. Süchtig danach, ins Innerste der Macht vorzudringen. Sie konnten nicht damit aufhören, selbst als ihnen die Ermittlungsbeamten auf die Schliche kamen. Assange wurde vor fünfzehn Jahren festgenommen und zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt.

Danach kam die Epochenwende. Das Internet wurde Teil des Alltagslebens. "Wir haben uns damals gefragt, was aus unserer Hacker-Kultur werden würde", so Assange. "Würde die Mehrheitsgesellschaft unsere Kultur korrumpieren oder würden wir die Mehrheitsgesellschaft verändern? Ich glaube, beides ist passiert." Spätestens seit Wikileaks ist das wohl richtig. Die Internetplattform, das müssen selbst ihre Feinde zugestehen, hat die Weltöffentlichkeit grundlegend verändert. Assange glaubt sogar, die tunesische Revolution sei durch Wikileaks ausgelöst worden: "Was den Funken gezündet zu haben scheint, war, dass wir die diplomatischen Depeschen veröffentlicht haben. Diese Depeschen aus der US-Botschaft in Tunis beschreiben auch die geopolitische Situation. Sie sagen, dass die USA im Fall eines Konflikts zwischen dem Ben-Ali-Regime und dem Militär sich nicht auf die Seite Ben Alis, sondern auf die Seite des Militärs stellen würde. Das hat die Demonstranten in Tunesien selbstbewusst gemacht."

"Wir leben nur einmal"

Ob wirklich Wikileaks den Ausschlag gab? Julian Assange hat ohne Zweifel ein großes Selbstbewusstsein. Aber er musste in den letzten Monaten auch viel einstecken. Immer noch trägt er eine Fußfessel, immer noch droht ihm die Auslieferung nach Schweden. Ist es das alles wert? "Ja, es ist eine gefährliche Arbeit", sagt er. "Ja, die Situation, in der ich mich befinde, ist schwierig. Ja, die Situation, in der sich potentielle Quellen wie Bradley Manning befinden, ist schrecklich. Auf der anderen Seite: Schauen Sie sich an, was wir tun. Es ist befriedigend. Wir leben nur einmal." Julian Assange ist ein Überzeugungstäter. Mit Wikileaks hat er den Ideen der frühen Hacker-Elite international Geltung verschafft: der Forderung nach der Transparenz der Macht. Vielleicht braucht die Welt zurzeit Leute wie ihn.

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