"Wenn du tot bist, kann ich dann dein iPhone haben?"

Der neue Film von Andreas Dresen

Andreas Dresen zählt zu den besten deutschen Regisseuren. Keiner kann so authentisch und lebensnah das Alltägliche beschreiben wie er. Sein neuer Spielfilm "Halt auf freier Strecke" wurde bei den Filmfestspielen in Cannes preisgekrönt und rührte das Publikum zu Tränen.

Mika Nilson Seidel und Milan Peschel
Mika Nilson Seidel und Milan Peschel Quelle: Rommel Film / Foto: A. Dresen

Frank, Mitte Vierzig, hat gerade mit seiner Frau Simone und den Kindern ein Reihenhaus gekauft, als er erfährt, dass er innerhalb weniger Monate an einem inoperablen Gehirntumor sterben wird. Das Urteil trifft die beiden wie ein Axthieb - stumm sitzen sie vor dem Arzt, der das Unfassbare detailliert, wortreich und fast hilflos verkündet. In ihren Gesichtern sieht man: Ohnmacht, Ungläubigkeit, Trauer.

Knappe Zeit des Abschieds

Schon diese erste nüchterne Szene des Films packt den Zuschauer: Was, wenn ich dort sitzen würde? Wie sagt man so etwas den Kindern? Wie gehen Frank (Milan Peschel), Simone (Steffi Kühnert) und ihre zwei Kinder mit dem raschen körperlichen und geistigen Verfall um? Dresen zeigt die knappe Zeit des Abschieds, den Alltag jener letzten Lebensmonate.

Milan Peschel und Steffi Kühnert in "Halt auf freier Strecke"
Milan Peschel und Steffi Kühnert in "Halt auf freier Strecke" Quelle: Rommel Film / Foto: A. Dresen

Anfangs gelingt es Frank noch, trotz der Symptome seiner Krankheit und der schweren Folgen von Bestrahlung und Chemotherapie zu sagen "Geht mir ganz gut." Doch bald fallen ihm die Haare aus, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr - er wird vergesslich und gebrechlich. Der Tumor drückt so sehr auf's Gehirn, dass sich auch seine Persönlichkeit verändert: Bisweilen ist er so jähzornig, dass Simone es kaum noch ertragen kann. Und doch entscheidet sie sich, Frank zu Hause zu pflegen.

Schonungslos und realistisch

Dresen zeigt alles: die Krampfanfälle, die Zornausbrüche, das Waschen und das Windeln, die extreme Belastung und Überforderung der Angehörigen - schonungslos und realistisch. Und gerade deshalb fühlt und leidet der Zuschauer mit. Aber "Halt auf halber Strecke" ist nicht nur Krebsdrama, sondern auch ein Liebesfilm. Die Familie steht zusammen, unsentimental und pragmatisch hilft sie Frank, dem die Welt immer fremder wird. Es gibt Momente der Zärtlichkeit und Galgenhumor.

Mika Nilson Seidel, Talisa Lilly Lemke, Milan Peschel und Steffi Kühnert (v.l.n.r.)
Halt auf freier Strecke - Szenenbild Quelle: Rommel Film / Foto: A. Dresen

Dresens fast dokumentarischer Stil vermeidet alles, was auf die Tränendrüse drückt - und trifft den Zuschauer bis ins Mark. Das liegt auch an den großartigen Darstellern, die so ungekünstelt spielen als würde man ihnen beim wahren Leben zuschauen. Vielleicht, weil es kein Drehbuch gab - alle Szenen sind improvisiert. Vor allem Milan Peschel hätte für seine Leistung, bis an alle Grenzen zu gehen, jeden Preis verdient. Neben dem Schauspieler-Ensemble sind echte Ärzte, Pfleger und Therapeuten zu sehen.

In Würde sterben

Ein ehrlicher, herzzerreißender Film, der zeigt, dass das möglich ist: trotz Qualen in Würde sterben. Andreas Dresen ist es gelungen, einen Film über den Tod zu machen, der uns auch das vermittelt: die Freude, am Leben zu sein.

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