Wer wenn nicht wir

Klischeefrei und sorgfältig inszeniert: Veiels RAF-Film

Der erste Spielfilm des preisgekrönten Dokumentarfilm-Regisseurs Andres Veiel ("Black Box BRD", "Die Spielwütigen") war sicher der mit der größten Spannung erwartete. Erst recht bei dem Thema: Vorgeschichte und Anfänge des deutschen Terrorismus. Gelingt Veiel ein erhellenderes Pendant zu Edels und Eichingers lärmendem "Baader Meinhof Komplex"?

Die Bundesrepublik in den frühen 60ern. Der Krieg ist gerade 15 Jahre her, über alte Nazis auf früheren Posten oder Kriegsverbrechen wird nicht geredet. Noch ist das Land ruhig. Doch Aufbruch liegt in der Luft.

Vesper und Ensslin: extreme Liebe

Auch Bernward Vesper (August Diehl), Sohn des NS-Schriftstellers Will Vesper (Thomas Thieme), rebelliert, will gegen die erstarrte Gesellschaft anschreiben. Und doch verteidigt er lange die schriftstellerischen und moralischen Qualitäten seines Vaters. Es wird Jahre dauern, bis er es in einem schmerzhaften Prozess schafft, sich von dieser mächtigen Vaterfigur zu lösen. Während des Studiums begegnet er Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis): der Beginn einer extremen Liebesgeschichte - bis über die Schmerzgrenze hinaus.

Gemeinsam führen sie einen Verlag, gehen nach Berlin. Gudrun leidet unter Bernwards Affären mit anderen Frauen, erlaubt ihm aber selbstzerstörerisch sogar, sie mit nach Hause zu bringen. Beide sind Teil der linksintellektuellen Szene, kommen auch mit Aktivisten zusammen. Sie sind gegen den Vietnamkrieg der USA, solidarisieren sich mit Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und den Black Panthers. Diese Stimmung greift der Filmtitel auf: Wann, wenn nicht jetzt - wer, wenn nicht wir.

Für Baader verlässt sie die Familie

Vor allem Ensslin will nicht mehr nur reden, sondern handeln. Sie will es anders, besser machen als ihr Vater, der sich als Pfarrer öffentlich gegen Hitler ausgesprochen hatte und doch an die russische Front gegangen war. Die Geburt eines Sohnes bringt Gudrun und Bernward für kurze Zeit noch einmal einander näher. Doch dann taucht ein ganz anderer Mann auf: Andreas Baader (Alexander Fehling) - ein Macho, radikaler, unerbittlicher als Vesper.

Was zunächst wie eine Affäre aussieht, mit der Gudrun vielleicht Bernward seine Seitensprünge heimzahlen will, führt auf eine Reise ohne Wiederkehr. Baader mokiert sich über Ensslins Kleinfamilie, sie muss sich entscheiden und verlässt Mann und Kind. Nach der Haft für die Kaufhaus-Brandstiftungen in Frankfurt geht sie in den Untergrund, in den bewaffneten Kampf. Bernward verliert sich auf Drogentrips im Wahnsinn, der Sohn wächst bei Pflegeeltern auf. Dieses kleine Kind verweist auf die nächste Generation, die Zuschauer, die heute im Kino sitzen. Veiel will zeigen, wie wir wurden, was wir sind.

Klug, mit leisen Untertönen

Der Film basiert auf Gerd Koenens Sachbuch "Vesper, Ensslin, Baader - Urszenen des deutschen Terrorismus" und ist hochkarätig besetzt. Lena Lauzemis als Ensslin ist eine Entdeckung: sensibel, verletzlich, entschlossen und kompromisslos. "Wer wenn nicht wir" ist ein kluger Film mit leisen Untertönen, der versucht, alle abgedroschenen 68er-Klischees zu vermeiden. Bernward Vesper, eine bisher weniger bekannte, komplexe Figur, und auch die frühen Jahre Ensslins entdeckt man mit großem Interesse. Sorgfältig inszeniert Veiel die konservative Strenge ihrer Elternhäuser, zeichnet ausführlich die Stationen einer komplizierten Liebe und die Unbedingtheit, mit der Vesper und Ensslin gesellschaftliche Veränderung erzwingen wollen.

Obwohl der Film in der ersten Hälfte arge Längen hat, zeigt er deutlich, was die beiden antreibt und dass die Generation derer, die sich für den Weg der Gewalt entschieden, dieselben Fehler macht wie ihre Eltern. Doch die Frage, warum sich einige wenige radikalisierten, für den Terrorismus entschieden, kann auch Veiel nicht klar beantworten.

Film entfacht neues Interesse

Immer wieder schneidet er auch Dokumentaraufnahmen ein, die trotz ihrer Kürze Sogkraft und Faszination entfalten. Wie bei jeder Verfilmung von zeithistorischen Stoffen haben viele noch die Originalbilder im Kopf. Der Spielfilm "Wer wenn nicht wir" ist eine sehr gelungene Fiktionalisierung und weckt unmittelbar auf's Neue Interesse an den Ereignissen jener Zeit. So gut Veiel die Atmosphäre damals einfängt und seine Charaktere zeichnet - fast wünscht man sich, dass er begleitend zu seinem Spiel- auch noch einen Dokumentarfilm gemacht hätte.

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