Wie arbeiten Plagiatsjäger?

Über die Suche nach den falschen Doktoren

Am 1. März diesen Jahres stürzte Karl-Theodor zu Guttenberg über die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit. Tausende Menschen hatten sich auf der Internetseite GuttenPlag an der Suche nach den Plagiaten beteiligt und den Minister der Täuschung überführt.

Screenshot VroniPlag Wiki
Screenshot VroniPlag Wiki Quelle: ZDF

Viele Prominente folgten. Und jetzt auch noch der niedersächsische Kultusminister Althusmann. Pikanterweise ist er auch Vorsitzender der Kultusministerkonferenz und zuständig für die Qualitätsstandards der Hochschulen.

"Dumme Fehler beim Abschreiben"

Debora Weber-Wulff wundert sich über nichts mehr. Sie ist unterwegs um Täuscher, Tarner und Trickser aufzuspüren. Ihr Lebensthema: Plagiate. Auszug aus einem ihrer Vorträge an der Berliner Freien Universität: "Dann haben wir Frau Koch Mehrin - sie hat teilweise die Fußnoten erdacht. Wir kennen die Quellenlage inzwischen so gut, dass wir wissen aus welcher Quelle das kommt. Aber nicht die Quelle, die sie in ihren Fußnoten hat. Teilweise sind die Seitenzahlen erfunden. Beim Abschreiben hat sie dumme Fehler gemacht - statt 'der Vertrag von Moss' ist der Vertrag von 'Noss'. N liegt ja neben M auf der Tastatur. Aber das muss man wissen, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, dass es keine Stadt in Norwegen gibt, die Noss heißt."

"Ich möchte gerne, dass die Leute, die uns im Parlament repräsentieren, auch von einer Grund Ehrlichkeit sind und sich nicht einfach mit irgendwelchen Titeln schmücken. Ein Doktortitel hat eine Bedeutung in der Wissenschaft. Man braucht keinen Doktortitel auf einem Messingschild, auf der Tür oder auf der Webseite, um gute Politik zu machen." Deborah Weber-Wulff geht es um die Wissenschaft.

"Viele sind richtig wütend"

In ihrem anderen Leben ist die gebürtige Amerikanerin Informatikprofessorin und Dekanin an der Berliner Hochschule für Hochschule für Technik und Wirtschaft. Hier fing vor zehn Jahren ihre Suche nach Plagiaten und Plagiatoren an - als sie ihre erste Hausarbeit schreiben ließ. "Es wurde 32 Arbeiten eingereicht und ich hatte das Gefühl, als ich gelesen hatte: Wahnsinn! Die sprechen so gut Englisch - die sprechen zu gut Englisch. Es gab ein Wort, das ich selbst im Wörterbuch nachschlagen musste und weil ich Muttersprachlerin bin, fand ich das etwas komisch. Ich habe das nachgeschlagen, ein neues Wort gelernt und im Internet geguckt. Und dann hatte ich innerhalb von 20 Minuten zwei der Arbeiten als Plagiate enttarnt."

Eine Doktorarbeit wird eingescannt
Eine Doktorarbeit wird eingescannt Quelle: ZDF

Am Ende waren zwölf von 32 Hausarbeiten Plagiate. Und Weber-Wulff machte das Thema zu ihrem Forschungsschwerpunkt. Dann kam Karl Theodor zu Guttenberg und die Enthüllung seiner plagiierten Doktorarbeit auf der Internetseite GuttenPlag. Weber-Wulff machte mit bei der Suche - aus persönlicher Betroffenheit und wissenschaftlichem Interesse. Heute ist sie an der Nachfolger-Webseite "VroniPlag" beteiligt. Gemeinsam mit Hunderten anderer Rechercheure sucht sie hier unter dem Namen 'Wise Woman' nach Plagiaten. Einen Scanner, ein Texterkennungsprogramm und eine Internetsuchmaschine - mehr braucht ein Plagiatsjäger nicht. "Es sind relativ viele Leute, die im Wissenschaftssystem drin sind oder waren, aber längst nicht alle. Die richtig wütend darüber sind. Also Leute, die selber eine Doktorarbeit geschrieben und richtig schön daran gearbeitet haben. Und sie sehen Leute, die anscheinend schnell ein Pastiche zusammenkleben, ihre Doktortitel kriegen und stolz vor sich her tragen."

"Es geht um das Werk, nicht die Person"

Doch die Enttarnten wehren sich: Jorgo Chatzimarkakis, von VroniPlag des Plagiats angeklagt, sieht sich als Opfer einer Hetzkampagne. Im Internet hagelt es Kritik und Beschimpfungen gegen die Besserwisser von der Plagiatspolizei. Der FDP- Europaparlamentarier Alexander Alvaro bezeichnet sie in seinem Blog als "anonyme Denunzianten". "Was ich in Frage gestellt habe ist, dass diejenigen, die es tun, sich nicht öffentlich machen, indem sie öffentlich zu erkennen geben, WER sie sind und nach welchen wissenschaftlichen Methoden sie diejenigen überprüfen", sagt Alvaro im aspekte-Interview. "Wenn man keine Argumente mehr hat in der Sache, neigt man dazu, den Mensch zu attackieren, der das sagt", entgegnet Weber-Wulff. "In der Hoffnung, dass man ihn dadurch irgendwie klein kriegt. Das hat nichts mit den Tatsachen zu tun. Es geht nicht um die Person Chatzimarkakis oder zu Guttenberg - es geht um deren Werk."

Eine Gruppe trauten sich dann doch vor die Kamera. Sie studieren Informatik in Bonn und betreiben seit einigen Monaten die Internetseite "doktorarbeitendomino.de". Sie begegnen den Vorwürfen, gegen VroniPlag und Co. mit Statistik. Und nehmen kurzerhand die Dissertationen ALLER Abgeordneter von Bundestag und Europaparlament der vergangenen 15 Jahre ins Visier. "Wir wollen systematisch und nach naturwissenschaftlichen parteiunabhängigen Kriterien Dissertationen von Parlamentariern untersuchen", sagt einer der Informatikstudenten. "Früher haben die Leute die Wikipedia geschrieben. Dann haben sie ein frei verfügbares Betriebssystem einfach so programmiert. Das haben Leute gratis gemacht. Heute sucht man eben Dissertationen. Das ist sicherlich eine neue Form von politischem Engagement."

Der einzig gangbare Weg

Für Professorin Weber-Wulff ist radikale Aufklärung von Plagiaten der einzig gangbare Weg. Nur so könne der deutsche Doktortitel gerettet werden: "Ich denke, wir sollten diesen Teppich richtig ausklopfen. Wir sollten gucken, dass wir reinen Tisch machen können und darüber sprechen, was gute wissenschaftliche Praxis ist. Wie kriegen wir die Ehrlichkeit zurück in die Wissenschaft?" In der deutschen Wissenschaft rumort es. Jeder fragt sich: Wer ist der nächste, der enttarnt wird, der sich mit fremden Federn geschmückt hat.

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