Wie der Sex nach Deutschland kam

Die unterschätzten 50er Jahre

Das Jahrzehnt der alten Männer, der Wirtschaftwundererfinder, die Jahre einer klerikal-konservativ geordneten, heilen Welt: muffig, spießig, verklemmt. So sind die 50er Jahre in unser kollektives Gedächtnis eingegangen. Doch wie man sich täuschen kann! Denn in dem oft gescholtenen Jahrzehnt passierte Ungeheuerliches: Mitten in der Adenauer-Republik kamen Sex und Erotik flächendeckend nach Deutschland. Das behauptet und beweist eine voluminöse zeitgeschichtliche Studie.

Die Historikerin Sybille Steinbacher hat sie verfasst. "Es gab natürlich die Sittlichkeitsverfechter und das Sittlichkeitspostulat und es gab rigide Gesetze", sagt sie. "Aber es gab zugleich auch den Aufstieg der Erotikindustrie, den Erotikboom, der schon in den frühen 50er Jahren eingesetzt hat. Und es gab eine beginnende liberale Rechtspraxis. Es gab eine Sexwelle, die schon in den späten 40er Jahren einsetzte, und eine zweite, die Mitte der 50er Jahre kam."

Bunte Aufklärungs-Maschinerie

Alfred Charles Kinsey hat das deutsche Schlafzimmer verändert - nachdem er in Amerika schon ein Medienstar war: Er propagierte Sex als freie Selbstentfaltung - in seinem legendären "Kinsey-Report", der jede Sexualpraxis für natürlich und legitim erklärte. Eine Revolution! Begierig stürzten sich die Illustrierten auf Orgasmus und Klitoris, Petting und Stellungsphantasien. Den Nachkriegsdeutschen wurde das Paradies nur so um die Ohren geschlagen. Eine bunte Unterhaltungs- und Aufklärungs-Maschinerie nahm ihren Betrieb auf.

"Bis dahin war ja das Thema Sexualität ganz klar in Händen der Theologen einerseits und der Mediziner, der Naturwissenschaftler andererseits", erklärt Sybille Steinbacher. "Und nun haben sich die Medien als eine neue Deutungsmacht, als ein neuer Deutungsakteur eingeschaltet und nach damaliger Auffassung etwas Unerhörtes getan: Sie haben das Thema Sexualität zu einem Thema der Freizeitunterhaltung gemacht." Die "Wirtschaftswunder-Deutschen" hatten Lust auf alles, warum nicht auch auf Sex? Eine gehobene Schlafzimmerkultur sollte da nicht fehlen. Trotzig reagierten sie auf die sauertöpfischen Mahnungen der strengen Sittenwächter aus Kirche und Politik.

Sittliche Machtprobe "Die Sünderin"

"Es erwies sich im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswunder und dem Aufstieg der Konsumindustrie, dass Sexualität zum Wohlstand gehört und Teil von gutem Leben, von Wohlstand und Genuss ist", weiß Steinbacher. "So wurde Sexualität zunehmend wahr genommen - auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Erotikboom." Zu einer sittlichen Machtprobe wurde 1950 der Spielfilm "Die Sünderin" mit Hildegard Knef. Hysterisch warnten Kirchenvertreter und CDU-Politiker vor diesem sogenannten kulturbolschewistischen Machwerk, das eine 7-Sekunden-Nacktszene sowie eine Prostitutionsthematik enthält. Es wurde DER Kassenschlager des deutschen Nachkriegskinos. Die Kinogänger übten die sittliche Verweigerung, sieben Millionen wollten bei der neuen Freiheit dabei sein.

"Je schriller die Warnungen vor dem Film waren, desto größer war das Interesse daran", sagt Sybille Steinbacher. "Und um so intensiver waren die Bemühungen, zum Beispiel Fahrten mit Bussen zu den Kinos zu organisieren, um den Film sehen zu können. Man kann hier durchaus eine Haltung des Hohns und des Spotts sehen, die den Verkündern des Sittlichkeitspostulates galt." Die Sexwelle der 50er Jahre hatte auch ihre Meister und Helden. Oswalt Kolle war der unumstrittene Sexpapst. Lange bevor er mit seinen Aufklärungsfilmen ein Millionenpublikum stimulierte, belehrte er die Deutschen in Zeitschriften-Serien über Anatomie und Psychologie ihrer schönsten Minuten.

Sexualität als Kennzeichen von Freiheit

Um die Zensur zu umgehen, schuf Kolle einen Zaubermix aus staubtrockener Wissenschaft und erotischem Entertainment - zum Beispiel: "Es gibt Salben, die auf das Glied aufgetragen, die Erregbarkeit des Penis mindern und es gibt auch Kondome, die ebenfalls die Reizbarkeit des Penis beim Koitus herabsetzen." Sein Anliegen erklärte er einmal wie folgt: "Ich wollte den Leuten komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge einfach, aber nicht simpel erklären - und dabei Menschen über Sexualität informieren, um sie mündig zu machen."

Auch Beate Uhse hat Nachkriegsdeutschland auf sexuellem Terrain flottgemacht, sie war Vorzeigeunternehmerin eines Erotikversandhandels, damals "Institut für Ehehygiene" genannt. Die Prozesslawinen gegen ihr "Teufelswerk" hat sie lächelnd überstanden. "Die Uhse hat ganz auf Kinseys Botschaften gesetzt", erklärt Sybille Steinbacher. "Sie hat dieses Postulat vom individuellen Glücksversprechen, von Sexualität als Kennzeichen von Fortschritt, Freiheit und Modernisierung gesetzt. Und so lauteten auch ihre Werbebotschaften."

Entdeckerfreude

Bislang beanspruchten die wilden 60er Jahre das Monopol auf sexuelle Befreiung. Nun wird die Geschichte umgeschrieben. Hinter der biederen Fassade der jungen Bundesrepublik herrschte in Sachen Sex und Erotik eine ungeahnte Neugier und Entdeckerfreude. Man hat sie unterschätzt, diese Nachkriegsdeutschen.

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