Wie die Kultur in die Welt kam

Der dokumentarische Roman "Die Venus aus dem Eis"

Irgendwann vor etwa 40.000 Jahren hat sich der Mensch hingesetzt und vor dem Zubettgehen mal eben die Kunst erfunden. Und die Musik gleich dazu. Eine naive Vorstellung? Gewiss. Könnten wir mal eben diese 40.000 Jahre zurück in die Vergangenheit reisen, wir würden unsere Welt kaum wiedererkennen. Als der moderne Mensch ins Eiszeitliche Europa einwandert, erstrecken sich die Alpengletscher bis weit nach Süddeutschland - nicht gerade das Paradies.

Die nur sechs Zentimeter große "Venus"-Figur aus Mammut-Elfenbein vom Hohle Fels bei Schelklingen Quelle: Hilde Jensen

Doch trotz des rauen Klimas ist der Homo sapiens nicht allein. Der Neandertaler behauptet sich bereits seit einigen 100.000 Jahren im Ur-Donautal, perfekt angepasst und intellektuell ebenbürtig.

"Migrationshintergrund" war normal

Die Konfrontation beider Menschengattungen könnte die Initialzündung für einen kulturellen Urknall gegeben haben: Kunst, Musik, vielleicht sogar Religion wurden zu einer Zeit erfunden, als ein Migrationshintergrund noch die normalste Sache der Welt war.

Im "Hohle Fels" bei Blaubeuren entdeckte der Archäologe Nicholas Conard mit seinem Team die älteste Zeugin jener kulturellen Morgenröte. "Im September 2008 wurde die Venus vom Hohle Fels entdeckt", erinnert sich Conard. "Es war nicht an einem Stück, sondern in neun Stücken und wurde über mehrerer Tage entdeckt." Die älteste Skulptur der Menschheit ist gerade mal wenige Zentimeter groß, hat Körbchengröße Doppel-D, aber keinen Kopf. Wer hat sie geschaffen? Und warum?

"Warum ausgerechnet hier?"

Fragen, auf die die Archäologie keine Antwort hat. Um das Rätsel zu lösen, wie die Kultur in die Welt kam, hat sich Conard den Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer mit ins Boot geholt. Gemeinsam haben sie das Drama um die Erfindung der menschlichen Kultur zu einem packenden Roman verdichtet und Fakten mit Fiktion vermählt. "Die Frage, warum die Kunst, Musik und viele Innovationen hier entstanden sind, sogar frühe Hinweise für Religion und andere Sachen, haben wir hier sehr früh dokumentiert - bis zu 40.000 Jahre vor heute", so Conard.

Und er fragt sich: "Warum ausgerechnet hier? Gut, wir haben eine wunderbare Forschungstradition und vielleicht eine bessere Datengrundlage als viele andere Gegenden, auch gute Erhaltungsbedingungen. Aber unabhängig davon: Ist es möglich oder sogar relativ wahrscheinlich, dass zwei Menschenformen zusammenkamen? Neandertaler und moderner Mensch haben die gleichen Bedürfnisse, benutzen die gleichen Ressourcen, jagen die gleichen Tiere, insbesondere Rentier und Pferd, aber auch andere Tiere. Und in der Ökologie können zwei fast identische Organismen nicht gleichzeitig eine Nische besetzen."

Identitätsstiftung durch Blick aufs Fremde

In den Eingeweiden der Schwäbischen Alb kommt es zum Clash der Kulturen. Doch statt sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, zwingt der harte Winter zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehört. Homo sapiens und Neandertaler rücken zusammen. Im Buch wird die junge Neandertalerin Khar zur Mittlerin zwischen beiden Gruppen, zum Katalysator kultureller Evolution. "Ich fand dieses Tal sehr aufschlussreich, weil relativ wenige Menschen aufeinandertreffen", sagt Jürgen Wertheimer, "da ist es überhaupt nicht plausibel, dass man den anderen totschlägt. Man wird stärker, wenn aus fünfzehn dreißig werden. Wenn das gelingt, ist man ein viel stärkerer Verband."

Erst die Konfrontation mit dem Fremden schärft den Blick auf das eigene Ich. Ohne die Ausbildung einer eigenen Identität gibt es auch keine Kultur. "Unsere Kultur hat mit Übersetzerei begonnen, mit Hin- und Herwenden von Inhalten", so Wertheimer, "daraus entsteht ein Mehrwert, eine Kontrolle des Wissens. Jedes Wort wird auf seine Bedeutung zweimal befragt, von daher halte ich die Debatte der Gegenwart für sehr fruchtlos, weil jeder Migrant, der seine zwei Kanäle öffnet, sicherlich einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellt."

Durch Kultur die Welt formen

Auf dem Weg vom naturbestimmten Objekt zum selbst gestaltenden Subjekt könnte der Musik eine besondere Rolle zugekommen sein. Mit Tönen schuf sich der Mensch seine eigene Welt. "Wir haben insgesamt Belege für acht Flöten", berichtet Conard. "Musik war Gang und Gäbe. Und man kann jedes beliebige Lied auf dieser Flöte spielen." "Die Kunst ist ja nicht nur Nachahmung von Wirklichkeit, sondern auch Kreation von Wirklichkeit", betont Wertheimer, "das heißt mit diesen kleinen, unglaublich filigranen Instrumenten konnte man auch eine Stimme gegen die Wirklichkeit setzen - ich kann mich definieren durch meinen Klang, bin nicht mehr nur Rezipient von Wind oder Geheul."

Wie sich der Mensch zum Künstler aufschwingt und damit beginnt, die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen - davon geben uns die wenigen Artefakte und Höhlenmalereien, die die Zeit überdauert haben, gerade mal eine ungefähre Ahnung. "Es gibt sehr viele Themen, die wir als Archäologe gar nicht bearbeiten können", sagt Conard. "Wir klammern vielleicht 80 Prozent der Menschheitsgeschichte aus und konzentrieren uns auf irgendwelche Objekte."

Ausgestorbene Kultur wieder erwecken

"Wie viel mag erzählt worden sein auf dieser Welt? Und ist dann sang- und klanglos untergegangen", so Wertheimer. "Aber es ist doch da gewesen und unser Buch ist auch ein kleines Plädoyer dafür, einer ausgestorbene Kultur wieder ein Stück weit Würde, Leben und Stimme zu geben. Und das kann die Literatur. Das kann und das muss sie tun." Das Experiment ist gelungen. Die "Venus aus dem Eis" erzählt spannend und kenntnisreich vom vielleicht einschneidensten Kapitel der Menschheit und wirft einen Lichtschein auf eine ferne Zeit, die im Dunkeln liegt.

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