Wie die Vergangenheit den Blick schärft

Die Fotografen Santu Mofokeng und Zanele Muholi über Folgen der Apartheid

Fotografie war ein politisches Instrument im Kampf gegen die Apartheid. Der Fotograf Santu Mofokeng begann in den 70er Jahren zu fotografieren. Doch er hatte es satt, immer nur das zu fotografieren, was die Menschen trennt und begann, den Alltag der Townships festzuhalten. Als einziger schwarzer Fotograf widmet er sich heute der Landschaft - doch nicht mit den üblichen Postkartenbildern, die Südafrika zu bieten hat. Auch die Fotografin Zanele Muholi fragt, wie die Rassentrennung Südafrika bis heute prägt.

Zanele Muholi: Massa and Minah 3, 2008 Quelle: Zanele Muholi

Die Abraumhalden der Goldminen bei Johannesburg sehen aus wie ein Naturwunder. Spitze, sandfarbene Hügel und Canyons ziehen sich über die Ebene bis zum Horizont. Doch von einem Naturwunder kann hier nicht die Rede sein, im Gegenteil. Diese Landschaft ist mit Zyanid vergiftet und von Menschen gemacht.

"Wem gehört das Land heute?"

Santu Mofokeng wurde durch seine Bilder aus dieser Gegend berühmt. Er ist einer der wenigen schwarzen Fotografen, die überhaupt Landschaften fotografieren. Denn das Land gehörte in Südafrika nun mal jahrhundertelang den Weißen. Mofokeng bildet keine Idyllen ab, seine Landschaften sind meist traurig. "Wem gehört das Land heute?", fragt er - denn immer noch fühlen sich große Teile der Bevölkerung dieser Landschaft fremd. "Immer wenn ich unterwegs bin, vor allem im Ausland, wird mein Name mit Südafrika verbunden. Mit einem Landstrich, den ich während der Apartheid nicht einmal richtig kennenlernen konnte", erzählt er. "Während der Apartheid war Reisen im Land unmöglich."

Santu Mofokeng im aspekte-Interview

Santu Mofokeng ist im Township Soweto groß geworden - dort, wo in den 70er Jahren die Aufstände gegen das Apartheitsregime begannen. Als er damals als junger Fotograf bei der Zeitung anfing, sagte man ihm: Die schönsten Kontraste für ein Foto sind Blut und schwarze Hautfarbe. "Je mehr Unterdrückung man fotografierte, desto eher landete man mit einem Foto auf der ersten Seite. Das war die Geschichte, die jeder immer wieder hören wollte: Das Leben ist Apartheid", so der Fotograf. "Es gibt staatliche Gewalt und die Opfer. Damit hab ich mich unwohl gefühlt. Ich wollte nicht die Unterschiede zeigen, sondern dass Schwarze dasselbe wollen, dieselben Bedürfnisse haben wie die weißen Südafrikaner."

Noch immer akuter Mangel an Bildung

Doch was hat sich bis heute geändert? Die Apartheid wurde abgeschafft und Demokratie ist eingekehrt. Aber inwiefern geht es den Afrikanern heute besser? "Ohne ausreichend Bildung kannst du die Möglichkeiten gar nicht nutzen, die die Demokratie dir jetzt bietet", erklärt Mofokeng. "Dieser Mangel an Bildung, an Fähigkeiten führt dazu, dass für viele Menschen die Demokratie nicht den Wandel gebracht hat, auf den sie gehofft haben."

Zanele Muholi ist südafrikanische Fotografin und ebenfalls schwarz. Sie beschäftigt, sich mit gesellschaftskritischen Motiven. Gerne demonstriert sie - auch mit eigenem Körpereinsatz - was in ihrem Land im Argen liegt. In ihrer Fotoserie über schwarze Haushälterinnen bei weißen Madams ist sie nicht nur hinter der Linse aktiv, sondern auch als Modell. Die Bilder zeigen schwarze Haushaltshilfen beispielsweise sowohl beim Bodenschruppen, als auch dabei, wie sie gerade den Hausherrn verführen. Dieses Projekt ist eine Hommage an die Mutter von Muholi, die 42 Jahre als Hausangestellte arbeitete.

Alltag südafrikanischer Frauen

Die Fotografin liebt es, mit Rollenspielen für Verwirrung zu sorgen. "Ich bin auch schon einmal als Putzfrau zu einer Konferenz gegangen", sagt sie. "Leute erkennen mich nicht. Ich finde das interessant: Sobald ich keine Kamera in der Hand habe, habe ich keinerlei Position mehr. Leute nehmen mich überhaupt nicht wahr. Ich werde völlig links liegen gelassen." Am liebsten zeigt Muholi den Alltag südafrikanischer Frauen. Dazu gehören auch Tabuthemen - Sexualität und die Liebe zwischen zwei Frauen zum Beispiel. Auch wenn die Homo-Ehe sogar per Verfassung garantiert ist - die Hassattacken gegen lesbische Frauen und Vergewaltigungen, "um sie auf den rechten Pfad zu bringen", geschehen mitten in Kapstadt.

"Das sind zwei junge Frauen, die heute in Südafrika zusammenleben, wie Mann und Frau in einer Beziehung", erzählt sie nach einem Fotoshooting im Township von Kapstadt. "Diese Liebe zwischen den Frauen will ich zeigen. Aber nicht allen gefällt das." Südafrikas Kulturministerin hat ihre letzte Ausstellung angeblich empört verlassen. Muholis Bilder sind zwar schön, aber auch radikal und durchaus ironisch.

Vieles ist nicht selbstverständlich

Auch sie selbst ist lesbisch. Wenn sie nicht wie so oft in der Welt unterwegs ist, lebt die Fotografin mit ihrer Partnerin Liesel zusammen in Kapstadt. Was sich in Südafrika geändert hat und was noch nicht, zeigt sich auch in der Beziehung dieser Frauen so unterschiedlicher Herkunft. "Ich komme aus dem Township, meine Familie ist arm", so Muholi. "Eine weiße Frau bei mir zu haben, da musste ich meinen Schwestern und meiner Mutter erst einmal erklären: Das ist nicht meine Madam. Sie ist meine Freundin und kein Engel aus dem Weltraum. Sie braucht keine Sonderbehandlung." Liesel entgegnet: "Wenn es so was wie eine Skala für die Rassen in Südafrika gäbe, dann wäre ich als Burin an einem und Zanele aus dem Zulu-Volk am anderen Ende."

Vieles scheint möglich im heutigen Südafrika, aber nicht selbstverständlich. Immer noch braucht es Fotografen, die den Blick dafür schärfen, was viele übersehen oder absichtlich ignorieren. Fotografen, die 16 Jahre nach der Apartheid alle Seiten ihres Landes kennenlernen und zeigen wollen.

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