"Wie laut soll ich denn noch schreien?"

Ein schonungsloser Report über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule

Er ist der wichtigste Aufklärer der Verbrechen am einstigen Eliteinternat, das über 25 Jahre hinweg Tatort sexueller Gewalt war. Jürgen Dehmers, so sein Pseudonym, ist es vor allem zu verdanken, dass das Verdrängen, Schweigen, Vertuschen - wenn auch viel zu spät - ein Ende hatte.

Mahntafeln gegen das Vergessen des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule
Mahntafeln gegen das Vergessen des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule Quelle: dpa

Von 1981 bis zum Abitur 1988 lebte Jürgen Dehmers auf dem "Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik" - und wurde dort von dem weithin bekannten und charismatischen Schulleiter Gerold Becker jahrelang mißbraucht. "Es war nicht so, wie es in der Zeitung steht - es war viel schlimmer", schreibt Dehmers.

"Es ist schmerzhaft, es ist ekelhaft"

Was sexueller Missbrauch konkret bedeutet, dafür findet er klare Worte: "Ich bin nackt. (...) Jemand lutscht an meinem Penis. Ziemlich heftig. Will der mir meinen Penis abbeißen? Es ist total ätzend. Ich will das nicht. Wer ist das? Becker! (...) Der ist ja nackt! Scheiße, scheiße, scheiße, wie komm ich hier weg? Ich kotz gleich, mir rauschen die Ohren. (...) Ich komme nicht aus meinem Körper heraus. Der Mann lutscht immer heftiger. Mehr ein Saugen, ein Reiben, es ist schmerzhaft, es ist ekelhaft. Ich hasse seinen Geruch, seine Geräusche. Es ist, als ob ich durch einen tiefen Schacht falle. Ich kann nichts tun. Ich kann mich nicht wehren, nicht schreien. (...) Ich verbrenne innerlich. Er hört nicht auf. Er macht weiter. Meine Seele stirbt. Hört das nie auf? Irgendwann hören meine Ohren die Worte 'War's schön?' "

Fast täglich ist er den Angriffen Beckers ausgeliefert. Dehmers ist 13 als es losgeht, und erst mit 16 hat er die Kraft, Becker zurückzustoßen. Ebenso klar beschreibt Dehmers die Folgen: Saufen bis zur Besinnungslosigkeit, Kiffen, Aggressivität, Depressionen. Doch all das scheint niemandem aufzufallen. Weder ist Dehmers das einzige Opfer, noch Becker der einzige Täter. An der abgelegenen Odenwaldschule herrscht Regellosigkeit, Distanzlosigkeit zwischen Erwachsenen und Kindern, und es gibt keine Vertrauens- oder Kontrollinstanzen. Schulleiter Gerold Becker schafft das Amt des Vertrauenslehrer ab und ist gleichzeitig Mitglied im Vorstand, Vertrauensrat und Schülerparlament der Schule: "Der Hund kontrollierte sich selbst beim Bewachen der Wurst", notiert Dehmers trocken.

Krankheit, Verzweiflung, Wut

Auch die Jahre nach der Schule sind für Dehmers ein Kampf um's Überleben. Er kommt vom Alkohol los, macht eine lange Trauma-Therapie, bei all dem hilft ihm ein knallharter Sport: Triathlon. Zwischendurch immer wieder Krankheit, Verzweiflung, Wut. 1998: Als ein Freund und früherer Mitschüler ihm berichtet, dass Gerold Becker auch nach seinem Ausscheiden noch an der Odenwaldschule unterrichten soll, entschließen sich die beiden: "Wir müssen was machen." Sie schreiben einen Brief an den Schulleiter und weitere 26 Mitarbeiter, in dem sie von den sexuellen Übergriffen berichten. Darin der Satz "Und wir sind leider nicht die Einzigen".

Als daraufhin in Sachen Aufklärung nichts von Seiten der Schule unternommen wird, wenden sie sich an die Öffentlichkeit. Im November 1998 erscheint ein großer Bericht in der Frankfurter Rundschau, in dem neben Dehmers und Thorsten Wiest weitere drei Altschüler sexuelle Gewalt schildern. Wieder geschieht - nichts. Kein anderes Leitmedium greift das Thema auf. Und obwohl Gerold Becker jetzt als Täter republikweit bekannt ist, wird er weiterhin von angesehenen pädagogischen Institutionen und Verlagen beschäftigt, von prominenten Stimmen verteidigt, gar zum Opfer stilisiert.

Proteste blieben jahrelang folgenlos

So bezeichnete Antje Vollmer die kritische Berichterstattung über Becker und seinen Lebensgefährten, die Ikone der Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, als "journalistischen Missbrauch". Die 32 Briefe, die Salman Ansari, Lehrer an der Odenwaldschule, schreibt, um gegen Beckers diverse Beschäftigungen zu protestieren, bleiben sämtlich unbeantwortet und folgenlos. Erst zwölf Jahre später, 2010, nach den Enthüllungen über das katholische Canisius-Kolleg, kommt, wie Dehmers es beschreibt, der "Tsunami" - die geballte öffentliche Aufmerksamkeit für die Opfer, für die sich so lange keiner interessierte.

Aussenansicht der Odenwaldschule in Ober-Hambach
Aussenansicht der Odenwaldschule in Ober-Hambach Quelle: dpa

Für eine strafrechtliche Verfolgung der Täter ist es allerdings zu spät - die Taten sind verjährt. Gerold Becker ist inzwischen verstorben. Der Abschlussbericht zweier Juristinnen zählt 18 Täter und 132 Opfer, die Odenwaldschule: ein "Nest von Pädophilen". Jürgen Dehmers' Buch ist weit mehr als die zornige Schilderung eines Einzelschicksals. Neben Empathie für die Opfer steigt im Leser Wut auf. Wut nicht nur auf Becker und seine pädokriminellen Kumpane, sondern darüber, wie lange noch nach dem FR-Bericht 1998 weggeschaut, relativiert, abgewiegelt wurde.

Handeln wichtiger als Betroffenheit

An die 20 Verlage lehnten Dehmers' Manuskript ab. Der Prozess der Aufklärung ist noch lange nicht zu Ende: Weder an der Odenwaldschule selbst, noch für die Opfer, die um eine angemessene Entschädigung kämpfen und für die Abschaffung der Verjährungsfrist für Sexualstraftäter. Für Jürgen Dehmers ist Handeln wichtiger als Betroffenheit. Die FAZ machte ihn zum "Mann des Jahres 2010". Zu Recht.

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