Winterreise

Musik ohne Töne - Jelineks persönlichstes Stück

"Fremd bin ich eingezogen. Fremd zieh' ich wieder aus." So beginnt Schuberts "Winterreise", ein Liederzyklus, den er 1827, mit 30 Jahren, ein Jahr vor seinem Tod, geschrieben hat. Musik von großer Wehmut, direkt, schlicht, abgründig. Ein Rückblick auf ein misslunges Leben. Die Dramatik ist vorbei: in der Liebe und in der Kunst. Die Welt nimmt keine Notiz von dem, der hier singt. Es ist sinnlos und trostlos, die Leier zu drehen. Was bleibt, ist auf den Tod zu warten.

Die Münchner Kammerspiele haben Elfriede Jelinek um eine Bearbeitung der Winterreise gebeten. Das ist nicht ganz abwegig. Sie hat Musik studiert. Von der Winterreise ist ihr jedes Wort und jeder Ton vertraut. Und der beschriebene Zustand der totalen Depression sowieso. Entstanden ist ein sehr persönlicher Text, mit vielen direkten Bezügen auf Jelineks Biografie und sarkastische Anspielungen auf die Auswüchse alpenländischen Lebens. Ins Visier nimmt sie den Tourismus, Natascha Kampusch, die Hypo Alpe Adria und nicht zuletzt die Bayern LB.

Klage über Vergänglichkeit


Sie schreibt in Schubert'scher Trostlosigkeit einen in acht Kapitel gegliederten Text, in dem viele Motive der Winterreise wieder auftauchen. Die Wetterfahne (die das Geschehen der Aktienmärkte regiert), der Gesell (ihr Vater, an Alzheimer erkrankt, erwartet in der Psychiatrie seinen Tod), das Wandern, die Hunde, die Ketten, und immer wieder: "die Straße, die noch keiner ging zurück". "Vorbei ist Vorbei." Im Grundton schwingt die Klage über Vergänglichkeit. Und über das Misslingen. "Ich stecke bis zum Hals in meinem Scheitern." Das schreibt die Nobelpreisträgerin Jelinek. "Ich genüge nicht." Ist das Koketterie oder Selbstironie?

Die Sprache ist klüger als die derjenigen, die sie normalerweise gebrauchen. Elfriede Jelinek vertraut sich ihr an wie einem Fluss, einem Medium. Allerdings macht sie auch die Trübstoffe und Untiefen des Flusses kenntlich. Dabei tauchen verblüffende Wahrheiten auf. Johan Simons, der neue Intendant der Münchner Kammerspiele, lässt diese Wahrheiten auf der Bühne Gestalt werden. Er erdet Jelineks flirrenden Text. Verteilt ihn auf Figuren, lässt die Familienkonstellation Vater - Mutter - Tochter immer wieder durchscheinen.

Selbstironie versus Trostlosigkeit


Andre Jung spielt Elfriede Jelineks Vater, den von Frau und Tochter abgeschobenen Alzheimer-Patienten. Mit einer existentiellen Traurigkeit. Wiebke Puls gibt vor allem der geifernd glotzenden Mehrheit die Stimme, die Natascha Kampusch die Aufmerksamkeit der Medien missgönnt. Ihr sind aber auch die selbstironischen Passagen anvertraut, in der Elfriede Jelinek über ihre Dichterinnen-Einsamkeit spricht. Und die Texte der Tochter über den verlorenen, im Stich gelassenen Vater.

Es gibt keinen Trost in diesem Text. Deswegen gibt es auch kaum Musik. Nur noch als vage Erinnerung. Als Geräusch der Nadel, die aus der Schallplattenrille nicht mehr hinausfindet. Das Einzige, das rettet, das herausreißt aus dem Sog der Verzweiflung ist die immer wieder aufblitzende Komik. Sie federt die bitteren Einsichten ab, nimmt ihnen aber auch nichts von ihrer Unabwendbarkeit.

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