Zwischen Dämmerung und Zwielicht

Eine isländische Künstlerin trifft auf uralte Schriften

Anlässlich des Ehrengastauftritts Islands bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wagt Gabríela Friðriksdóttir ein außergewöhnliches Experiment. Eine Sensation: In der Frankfurter Schirn kann man derzeit acht wertvolle mittelalterliche Handschriften aus dem hohen Norden bestaunen.

Gabríela Friðriksdóttir
Gabríela Friðriksdóttir Quelle: ZDF

Zum ersten Mal hat Islands größter Schatz die sagenhafte Insel verlassen. Die alten Manuskripte sind zugleich Bestandteil einer Art "mythischer Rauminstallation". Für ihn zuständig ist Islands kreativste Künstlerin: Gabriela Friðriksdóttir.

Traumwelten

Im Auftrag ihrer Regierung darf die Vierzigjährige die alten Bücher in eine ihrer endlosen, düsteren Landschaften "einbauen". Ihrer Arbeit gab Gabriela den lateinischen Namen "Crepusculum", das bedeutet in ihrer Übersetzung Dämmerung, Abendrot, aber eben auch Zwielicht. Das Licht kommt aus der Dunkelheit und verliert sich wieder in ihr. Typisch: In Gabrielas Traumwelten gibt es keinen Anfang und kein Ende, alles ist dem stetigen Wandel unterworfen. Davon erzählt sie.

Gabríela Friðriksdóttir: Video zu "Crepusculum" - mit freundlicher genehmigung der Künstlerin

Für die Kunsthalle in Frankfurt hat sie eine wüstenähnliche Landschaft geschaffen. Das Herz der Installation bildet ein mannshoher Seeigel. In seinem Innern funkeln gläserne Gefäße gefüllt mit Algen und isländischen Pflanzen. Märchenhaft. Das dunkle harte Lavagestein der Insel steht in scharfem Kontrast zu dem feinkörnigen hellen isländischen Sand. Auf ihn fallen die Lichtbilder einer Videoprojektion, da wird es bizarr und verstörend. Ein Klangteppich aus dunklen, raunenden Männerkehlen verstärkt die mystische Stimmung. Die alten Handschriften - eingefasst in ausgehöhlte Baumstämme - sind Teil der multimedialen Installation.

Bücher wie Seelenkapseln

Für Gabriela sind achthundert Jahre alten Bücher wie Seelenkapseln. Sie enthalten die Gedanken und Träume von Menschen, die vor vielen Jahren gelebt, geliebt, gelitten und gelacht haben. Sie seien so bedeutsam wie die ägyptischen Mumien im Britischen Museum, betont Gabriela. Island hat schließlich keine Schlösser, keine Tempel oder antike Vasen, aber diese alten Schriften, gebunden in Seehundhaut.

Gabríela Friðriksdóttir, Crepusculum, 2011, Foto von Video, Courtesy of the artist
Gabríela Friðriksdóttir, Crepusculum Quelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt/Jirí Hroník

International bekannt wurde Gabriela Friðriksdóttir 2005, als sie als jüngste Teilnehmerin ihr Land auf der 51. Biennale di Venezia vertrat und den isländischen Pavillon mit einer fantasievollen Multimedia-Installation bespielte. Die Verbindung von Traumwelten mit Multimedia läge den Isländern besonders gut, sagt sie lachend. Sie seien immer so wenige gewesen auf ihrer Insel, so isoliert, da müsse man notgedrungen seinen eigenen bizarren Welten erschaffen.

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