"A Jihad for Love"

Dokumentarfilm über schwule Muslime

Ein in Südafrika lebender Imam, der sich trotz zweier aus seiner Ehe hervorgegangenen Kinder offen zu seiner Homosexualität bekennt, ein lesbisches Paar aus der Türkei sowie vier junge Männer, die aus dem Iran geflohen sind und nun in Kanada leben - drei Beispiele von vielen, denen der aus Indien stammende Regisseur Pharvez Sharma, der sich selbst offen als "schwuler muslimischer Filmemacher" bezeichnet, erstmals vor größerem Publikum eine Stimme verliehen hat.

Muhsin Hendricks Quelle: ZDF

A Jihad for Love - der Titel des neuesten Dokumentarfilmes von Parvez Sharma - beschreibt eines der größten Tabus in der islamischen Welt - die Homosexualität. Während der Begriff "Jihad" im Westen zum Synonym für den "Heiligen Krieg" und zum Stereotyp für den islamischen Terrorismus geworden ist, lenkt "A Jihad for Love" den Blick auf den ursprünglichen Sinn des Begriffs: "Jihad" heißt soviel wie "innere Anstrengung", "ein Streben auf dem Pfade Gottes".

Der Glaube kämpft gegen das Glück

Dieser Kampf bedeutet hier die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, der Versuch, den oft starken eigenen Glauben mit dem Anspruch auf das persönliche Glück zu verbinden. Und es ist eben dieser Kampf, den die Protagonisten in "A Jihad for Love" mit sich selbst führen. Es ist der Kampf um Anerkennung, Akzeptanz und letztlich um Liebe. Ob sie aus ihrer Heimat flüchten mussten oder bleiben und ihre Sexualität nur im Verborgenen ausleben können, die Porträtierten bemühen sich alle in ähnlicher Weise, ihre religiösen Überzeugungen mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Daseins in Einklang zu bringen. Und es gelingt ihnen, für sich selbst eine neue Beziehung zu ihrem Islam aufzubauen.


Regisseur Parvez Sharma will zeigen, dass schwul sein und zugleich ein gläubiger Muslim zu sein sich nicht widersprechen müssen. All seinen Protagonisten ist gemein, dass sie eine uneingeschränkte und überzeugte Hingabe zum Islam leben und trotz ihrer Homosexualität den Glauben, der sie verurteilt, nicht aufgeben. Die traditionelle Lesart des Korans verurteilt Homosexualität als Sünde, weshalb sie strengstens verboten ist. Dies schlägt sich auch in der Gesetzgebung der meisten muslimischen Länder wieder, in denen gleichgeschlechtliche sexuelle Praktiken unter Strafe stehen.

Sündige Homosexualität

In einigen muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran gilt Homosexualität als Sünde und wird mit dem Tode bestraft. Die Tatsache, homosexuell und ein gläubiger Moslem zu sein, rührt bis heute an ein Tabu, über das kaum etwas bekannt ist. So kommt das mutige Bekenntnis streng gläubiger wie säkular lebender Muslime in diesem Film einer Revolution gleich, gerade wegen der darin ausgesprochenen Provokation, den Gotteskriegern die Hoheit über einen Schlüsselbegriff zur Rechtfertigung ihres gewaltsamen Kampfes streitig zu machen.


Sechs Jahre lang hat Parvez Sharma an seinem Dokumentarfilm "A Jihad for Love" recherchiert und in zwölf Ländern, darunter Ägypten, Iran, der Türkei und Pakistan gedreht und gearbeitet. Oft musste der Regisseur die Geschichten von schwulen und lesbischen Muslimen heimlich filmen, denn zu sehr brüskierte das Tabuthema Homosexualität die offiziellen Regierungsstellen und so hätten viele islamische Länder Sharma keine Drehgenehmigung erteilt. "Ich tat, als wäre ich ein Tourist", erzählt Parvez Sharma seinen Trick, doch noch filmen zu können.

Ungewöhnliche Fürsprecher des Islam

Die negative Berichterstattung über den Islam, die in westlichen Medien nach 9/11 festzustellen war, habe ihn frustriert, so Sharma. Mit "A Jihad fo Love" habe er sich die Möglichkeit geschaffen, über den Islam zu berichten, mit Hilfe von dessen wohl ungewöhnlichsten Fürsprechern. Die Protagonisten repräsentieren die vielschichtigen und facettenreichen Welten des Islam, darunter sowohl Sunniten als auch Schiiten.


So traf der Filmemacher auf einen offen schwulen Imam in Südafrika, einen Ägypter, der wegen seiner Homosexualität verhaftet und gefoltert wurde, bevor er nach Frankreich fliehen konnte, ein lesbisches Paar in der Türkei, und vier junge Schwule, die aus dem Iran flohen und nun in Kanada leben. Sie alle verbindet ihre fortgesetzte und intensive Hingabe an ihren Glauben. Obwohl sie auf der Grundlage der gleichen Religion erhebliche Schmerzen und Verfolgung zu erleiden haben, hat sich keiner von ihnen von seiner Religion abgewandt.

Keine billige Islamkritik

"Es wäre sehr leicht gewesen, einen Film zu machen, der einfach nur islamkritisch ist. Aber ich habe mit meinen Protagonisten sehr hart gearbeitet, um sicher zu gehen, dass die Schönheit des Glaubens, der ihnen so wichtig ist, mit absoluter Ehrlichkeit und Integrität dokumentiert wird", sagt Sharma. "In vielerlei Hinsicht war es die Tatsache, dass ich selbst Moslem bin, die es mir ermöglicht hat, den Film durch eine muslimische Linse zu filmen, mit dem dazugehörigen Verständnis für den Islam." "A Jihad for Love" feiert bereits große Erfolge auf verschiedenen Filmfestivals in Kanada, Brasilien, Mexiko, Südafrika und Großbritannien. Auf der anderen Seite wird Sharma für sein Werk auch beschimpft und bedroht.

Doch der Regisseur hält an seinem Projekt fest und hat sein Ziel, den Film insbesondere in die muslimische Welt zu tragen und einem muslimischen Publikum näher zu bringen, fest im Visier: "Die Reaktionen des Publikums und die Art, mit der die Zuschauer den Film annehmen, lassen mich hoffen, dass dieser Film zu einer Art Bewegung beitragen kann. Wir wollen einen Dialog unter Muslimen in Gang bringen, der Veränderungen bewirken kann. Ich werde diesen Film in die Moscheen bringen und an all die Orte, wo er am wichtigsten ist." "A Jihad for Love" - eine persönliche, spirituelle Auseinandersetzung um Anerkennung und auch Liebe. Kein Film vom Heiligen Krieg für die Rechte Homosexueller, sondern eine sensible Dokumentation über Menschen, die auf der Suche nach ihrem Gott und nach einem Platz in der islamischen Gemeinschaft sind.

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