Ali Ertan Toprak im Chat

Aleviten: in Deutschland anerkannte Religion

In Deutschland leben rund eine halbe Million Aleviten. Aber was sind Aleviten eigentlich? Ali Toprak, der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, stand im Chat eine Stunde lang Rede und Antwort.

Ali Ertan Toprak Quelle: ZDF


Frage: Herr Toprak, bezeichnen sich Aleviten selbst als Muslime?



Ali Toprak: Die Aleviten befinden sich im Moment in einem Selbstfindungsprozess. Es gibt unterschiedliche Auffassungen unter den Aleviten. Leider haben die Aleviten erst jetzt in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft gelegenheit, über Ihre Religion mehr zu erfahren. Sie kennen ihre eigene Geschichte nicht. Da sie in der Türkei bis heute unter der Assimilationspolitik der Türkei leiden. Deswegen wird es noch einige Zeit brauchen, bis wir uns vielleicht eindeutiger positionieren.


Frage: Gibt es andere muslimische Religionsgruppen, die die Aleviten als Glaubensgeschwister anerkennen?



Ali Toprak: Es gibt auch viele Muslime, die Aleviten als Muslime ansehen und aber auch viele, die uns als Ungläubige ansehen.



Frage: Was unterscheidet die Aleviten von den Sunniten?



Ali Toprak: Vieles. Die fünf Säulen des Islam und Scharia lehnen die Aleviten ab. Wir haben eine völlig unterschiedliche Theologie.



Frage: Aber den Koran erkennen die Aleviten doch als Wort Gottes an, und damit auch den Propheten Muhammad. Spricht man als Alevit also die Schahada?



Ali Toprak: Nein. Die Aleviten glauben, dass der Koran zu Zeiten von Osman gefälscht worden ist. Und der UR-Koran ist nach alevitischer Vorstellung Mohammeds Wort.



Frage: Sie sagten, im alevitischen Glauben stehe der Mensch im Mittelpunkt; was bedeutet das in Bezug auf Gott?



Ali Toprak: Die Aleviten glauben, dass in jedem Menschen die göttliche Wahrheit zu finden ist. Sie lehnen den Dualismus zwischen Gott und den Menschen ab. In jedem Menschen kann man Gott wiederfinden.



Frage: Empfinden die Aleviten selbst ihre Religion als die Wahrheit ?



Ali Toprak: Wir sind keine missionarische Religion. Für uns sind alle Religionen und Völker gleich. Wir sagen, es gibt einen Weg, aber tausend Pfade, um darauf zu wandern.

Aleviten in Deutschland anerkannt


Frage: Ich habe von Aleviten vorher nur wenig gehört und bin erstaunt, dass es in Deutschland eine halbe Million gibt. Wie viele Sunniten und Schiiten gibt es denn in Deutschland - oder gibt es keine zuverlässige Statistik?



Ali Toprak: In Deutschland sind ca.1/3 der türkeistämmigen MigrantInnen Aleviten. Es gibt bisher keine verlässlichen Erhebungen. Demnächst wird die Islamkonferenz eine Erhebung durchführen.



Frage: Warum sträubten sich die Teilnehmer der Islamkonferenz gegen die Teilnahme der Aleviten?



Ali Toprak: Weil sie uns nicht als Muslime ansehen. Die anderen haben einen Alleinvertretungsanspruch.



Frage: Wenn Sie sich mit dem Islam nicht identifizieren können, warum streben Sie eine Teilnahme an der Islamkonferenz an?



Ali Toprak: Wir sind eine Religionsgemeinschaft aus dem islamischen Kulturraum. Und der Islam ist ein Bezugspunkt unter vielen anderen. Und es gibt sogar jeder Menge Aleviten, die sich als die wahren Muslime ansehen. Wir wurden von der Bundesregierung eingeladen. Wir nehmen daran Teil, um unsere Interessen wahrzunehmen. Und die Vereinahmung seitens der anderen islamischen Verbände zu unterbinden. Die nämlich, je nach Interesse uns entweder vom Islam ausschließen oder dazu rechen: nämlich dann, wenn sie die Zahl der muslimischen Bevölkerung in Deutschland so groß wie möglich darstellen wollen.



Frage: Bisher habe ich nur Vertreter des alevitischen Glaubens getroffen, die unsere Sprache gut beherrschten, gebildet auf mich wirkten und sich auch keine besondere Mühe gaben, sich rein äußerlich von anderen Europäern abzuheben. Gibt es eigentlich alevitische Kleidervorschriften?



Ali Toprak: Nein. Es gibt keine besonderen Kleidungsvorschriften.



Frage: Wenn weder der Koran noch der Moscheegang wichtig sind: wie halten es Aleviten dann mit Kopftüchern, Alkohol?



Ali Toprak: Bei uns gibt es kein Alkoholverbot. Ich bin auch froh darüber, sonst könnte ich in meiner Lieblings-Cocktailbar in Köln keine leckeren Cocktails trinken. Und unsere Frauen müssen auch keine Kopftücher tragen.



Frage: Gibt es eigentlich Leute, auch Deutsche, die erst als Erwachsene zum Alevitentum konvertieren, oder ist das eher eine geschlossene Gesellschaft in die man hinein geboren wird?



Ali Toprak: Früher waren wir eine Art Geheimreligion. Heutzutage brauchen wir uns zumindest in Deutschland nicht mehr zu verstecken. Jeder ist uns daher willkommen.

Aleviten in der Türkei diskriminiert

Frage: Sind die Aleviten in der Türkei mittlerweile als Religionsgemeinschaft anerkannt?



Ali Toprak: Leider nein. In Anatolien/Kleinasien in der heutigen Türkei, im osmanischem Reich wurden wir verfolgt. Daher mussten sich die Aleviten um überleben zu können geheim halten. Wir werden in der Türkei immer noch diskriminiert und assimiliert. Die alevitischen Kinder müssen den sunnitisch ausgelegten Islamunterricht besuchen.



Frage: Wie stehen Sie zu den Aleviten in Syrien?



Ali Toprak: Man darf die Alawiten in Syrien und die Anatolischen Aleviten der Türkei nicht verwechseln. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass wir gemeinsam Ali verehren. Bei den Alawiten in Syrien hat Ali fast eine gottähnliche Stellung. Das anatolische Alevitentum ist eher synkretistisch. Das heißt: viele unterschiedliche Elemente auch aus anderen vorislamischen Religionen Kleinasiens.



Frage: Können Sie uns Elemente des Alevitentums nennen, die von den Urchristen übernommen wurden?



Ali Toprak: Ich kann jetzt nicht genau 100 prozentig sagen, welche Elemente. Aber es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass die Trinität, oder gemeinsames Gebet von Frauen und Männern, das Brotbrechen und so weiter von den Ur-Christen stammen könnte.

Der Generalsekretär

Frage: Was genau sind die Aufgaben eines alevitischen Generalsekretärs?



Ali Toprak: Puhhh. Der Mann für alles! ;-) Bond, Mc Gyver, Superman, Diplomat. Aber Scherz beiseite: Es sind Geschäftsführungsaufgaben und ganz viel Diplomatie.



Frage: Man trifft selten auf Humor in Verbindung mit muslimischer Tradition in Deutschland. Da scheinen Sie eine wohltuende Ausnahme zu sein. Was denken Sie, woran das liegt, Herr Toprak?



Ali Toprak: Vielen Dank für das Kompliment. Das hat sicherlich was mit unserer alevitischen Lebenskultur zu tun. Wir werden sehr tolerant und universalistisch erzogen.



Frage: Ich würde mir wünschen, die Aleviten in Deutschland könnten angesichts ihrer Anzahl eine Vorreiterrolle im Integrationsprozeß der Neubürger mit muslimsichen Hintergrund einnehmen. Was meinen sie dazu?



Ali Toprak: Wir leisten bereits einen großen Beitrag für die Integration in Deutschland, leider nimmt man das erst jetzt langsam wahr. Wir würden uns mehr Anerkennung seitens der Politik und Gesellschaft wüschen.

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