Arabische Literatur und Erotik

Zwischen Liebe zu Allah und 1001 Nacht

In der arabischen, persischen und türkischen Poesie gibt es eine große Zahl von Liebesgedichten, die sich mit dem Thema Liebe, Sexualität und Lust auseinandersetzen. Frauen unterschiedlicher sozialer Zugehörigkeit, Gläubige, Aristokratinnen, aber auch Sklavinnen, sind beliebte Heldinnen der Erzählliteratur. Zwischen dem 9. und 16. Jahrhundert gibt es viele Werke zum Thema weltlicher Liebe im Gegensatz zur göttlichen Liebe.

Größtenteils ist es die unerfüllte, schmerzhafte Liebe, die in der klassischen, arabischen Literatur geschildert wird. "Die Theorie der Philosophie der Liebe idealisiert", wie die Soziologin Wiebke Walther in ihrer "Kleinen Geschichte der arabischen Literatur" schreibt, "die sehnende, selten Erfüllung findende Liebe des Mannes zur Frau, auch des Mannes zum schönen Jüngling als ihn veredelnde, ihn erst zum Menschen machende Kraft, von Gott als Gnadengabe verliehen."

Liebe ist Seelengleichheit

Liebe wird als seelische und charakterliche Übereinstimmung zwischen zwei Menschen definiert. Liebesleidenschaft, heftiges Begehren dagegen werden als zerstörerisch dargestellt, geschmäht und verdammt. Eine der schönsten Anthologien zur realen höfischen Liebe und das am häufigsten in europäische Sprachen übersetzte Werk ist "Das Halsband der Taube. Über die Liebe und die Liebenden" von Ibn Hazm (994-1064), einem der angesehensten Autoren sowohl auf dem Gebiet der Theologie wie auf dem der Wissenschaft von der Liebe.

Andere Chronisten, Historiker und Sprachforscher beschreiben intensiv poetisch-amouröse Gespräche mitunter sexueller Art, die in den Serails der Türkei, den Palästen von Isfahan und den großen Häusern der Gelehrten von Damaskus das Publikum erfreuten. In Europa bekannt wurde vor allem "Der duftende Garten" des Tunesiers an-Nafsawi im 15. Jahrhundert. Der "Duftende Garten" belehrt nach überlieferten stereotypen Urteilen über gute und schlechte Eigenschaften von Männern und Frauen detailliert über sexuelles Vokabular, den Koitus, Liebestechniken, Abtreibungs- und Potenzmittel.

Verbotenes Beschreiben

Ungezählt sind die Gedichte und Berichte über die "Orgien" an den Kalifenhöfen (etwa bei Abu Nuwas oder im Kitab al-Aghani), wo alles geschildert wird, was Gott verboten hat. Bemerkenswert sind hier die oft unverblümten Anspielungen auf religiöse Riten. Auch die volkstümlichen Erzählungen wie "1001 Nacht" enthalten nicht wenige erotische Passagen, die das Bild des Orients im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts nachhaltig mitgeprägt haben. Vor über 300 Jahren erschien in Paris "1001 Nacht" in gedruckter Form. Die Märchensammlung wurde mit der Zeit neben dem Koran zum meist übersetzten Werk arabischer Literatur.

Die zarte Erotik und die exotischen Szenerien hatten bald Vorbildcharakter, und so erschienen allein im 18./19. Jahrhundert in Frankreich rund 1000 Romane in diesem Stil. Die islamische Kulturgeschichte des Mittelalters und der früheren Neuzeit zeigt insbesondere im Spiegel der Literatur, dass Erotik und Sexualität nur wenigen Tabus unterworfen waren und konservative Rechtsgelehrte immer wieder auf den moralischen Verfall der Gesellschaft hinweisen mussten. Kulturgeschichtlich interessant ist auch die im islamischen Raum lange Zeit weitverbreitete (männliche) Päderastie, welche scheinbar trotz ihres expliziten Verbots im Koran zumindest in Teilen der Gesellschaft akzeptiert wurde.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet