Aufklären, aufklären, aufklären

Aiman Mazyek im Chat

Im "Forum am Freitag" hat Aiman Mazyek über Apostasie, den Abfall vom Glauben, gesprochen. Im Chat stand er dazu eine Stunde lang Rede und Antwort.

Aiman A. Mazyek Quelle: ZDF


Frage: Dem Vers "kein Zwang in der Religion
" zufolge wird deutlich, dass man zwar niemanden dazu zwingen kann, zum Islam zu konvertieren. Aber er macht keine Aussage dazu, wie Apostaten zu behandeln seien. Hingegen gibt es einen Hadith, der ganz klar besagt: "Wer seine Religion wechselt, den tötet".Wie kann man angesichts dieser Sachlage stärkere Argumente gegen die Todesstrafe für Apostaten finden?


Aiman A. Mazyek: In der Tat weist der Vers auf das allgemeine Gebot der Religionsfreiheit im Islam hin. So gibt es auch einen anderen Vers, wo es heißt: "Euch eure Religion und mir meine Religion". Wie im Interviewbeitrag schon gesagt legt der zweite Teil Ihrer Frage den Tatbestand des Hochverrats zugrunde.
Seinerzeit war die politische Landkarte in Stämme und Volksgruppen unterteilt. Ein Religionswechsel innerhalb eines Stammes war nur als Desertion (Fahnenflucht/Hochverrat) zu verstehen. Demzufolge ahndete man dieses Vergehen mit der Höchststrafe. Heutezutage ist dieser politische Kontext nicht mehr gegeben und so gilt auch nicht mehr Konversion=Desertion. Folglich findet dieser Hadith auch keine Anwendung.


Frage: Aber dennoch gibt es in Deutschland einige ehemalige Muslime, die zum Christentum konvertiert sind und seitdem in Todesangst leben, da sie von Muslimen, ja sogar von Familienangehörigen, bedroht werden und mittlerweile mit falscher Identität leben müssen. Haben diese Muslime den Islam nicht verstanden? Und was können wir Muslime tun, um unsere Glaubensbrüder und -schwestern davon zu überzeugen, dass sie Konvertiten in Ruhe leben lassen?



Mazyek: Ich kenne ähnliche Fälle, wo Muslime (ehemalige Christen) großen Druck und Aggressionen innerhalb ihrer christlichen Familie erfahren. In beiden Fällen mache ich Bildungsdefizite und soziale Missstände als Grund dieser Handlungen aus.

Sind Christen toleranter?


Frage: In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich aber sehr wohl ehemalige Muslime, die jetzt Christen sind, kennen gelernt, die von Muslimen mit dem Tode bedroht werden. Prominente Beispiele dafür sind Sabatina James oder Nassim Ben Iman, die von ihren leidvollen Erfahrungen berichtet haben. Doch es gibt wohl keinen Fall, wo Christen gegen ehemalige Christen diese Drohungen aussprechen, nur weil sie zum Islam konvertiert sind. Also noch mal konkret, Herr Mazyek: Was können wir Muslime tun, um andere Muslime von solchen Taten abzuhalten?



Mazyek: Aufklären, aufklären und weiter aufklären über den Islam. Ismen und Intoleranz wird es dennoch immer wieder geben.



Frage: Heißt Aufklären auch Aufklären unserer muslimischen Geschwister? Könnte man das nicht am besten in Moscheen tun?



Mazyek: Richtig, insofern spreche ich immer von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, in der Moscheen und Muslime einzubeziehen sind, ob das nun im Kampf gegen Extremismus oder Intoleranz ist. Doch diese Erkenntnis kommt leider oft zu kurz und die Moscheen werden nicht als Integrationsagenturen wahrgenommen und oft leider auch alleine gelassen.



Frage: Warum sind Muslime anderen ehenmaligen Muslimen gegenüber so intolerant?



Mazyek: Es ist immer bedauerlich jemanden aus seiner eigenen Religion austreten zu sehen. Ich würde unglaubwürdig sein, wenn ich sage: Ich lehne mich da gelassen zurück. Auf der anderen Seite muss die Religionsfreiheit gelten. Wir glauben, dass Gott den Menschen mit einem freien Willen erschaffen hat. So wie der Eintritt in den Islam ein frewilliger Akt sein muss, so muss dies für den Austritt auch gelten, ohne dass Menschen, eine Kirche, oder gar eine Behörde in irgendeiner Weise sanktionieren darf.

Hohes Gut Religionsfreiheit



Frage: Ist die Religionsfreiheit nicht die Basis der gegenseitigen Achtung? Und kommt es nicht darauf an, mit welcher persönlichen Einstellung man einem anderen Menschen begegnet, egal welcher Religion er angehört?



Mazyek: Das sehe ich ähnlich, deswegen heißt es auch in einem Koranvers: "Wir (Gott) haben euch Menschen aus Mann und Frau, Völkern undStämmen erschaffen, auf dass Ihr einander kennenlernen möget... "




Frage: Religionsfreiheit ist ja nur ein Punkt der allgemeinen Menschenrechte. Stehen Muslime in Deutschland im Allgemeinen zu diesen Menschenrechten? Was bedeutet der hier oft verwendete Begriff Schariavorbehalt?



Mazyek: Wir stehen ohne Wenn und Aber zu den im Grundgesetz verankerten Menschenrechten. Wenn Sie uns schon nicht abnehmen wollen, dass dies Fakt ist, dann nehmen Sie uns wenigstens das taktische Argument ab: Die Menschenrechte, unsere Verfassung und unser Rechtstaat sind die besten Anwältinnen der Muslime hierzulande.

Tag der offenen Moschee

Moschee neben Kirche Quelle: epd



Frage: Ist demnächst nicht auch ein Tag der offenen Moschee? Vielleicht ein Anlass, zum gegenseitigen Austausch...



Mazyek: Am 3. Oktober öffnen wieder viele hundert Moscheen ihre Tore. Am Tag der deutschen Einheit, als Bekenntnis für Ihre Offenheit und als Bekenntnis, Teil dieser deutschen Gesellschaft zu sein. Nutzen Sie diese Möglichkeit!



Frage: Was gab es heute bei Ihnen zum Iftar, dem Fastenbrechen?



Mazyek: Nach einer guten Linsensuppe nach türkischer Art gab es Basmatireis mit Hähnchenschenkeln. Zum Nachtisch einen Chat im ZDF.



Frage: Und? Hat der Chat geschmeckt?



Mazyek: Vielen Dank für die vielen guten (leckeren) Fragen.

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